Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Wiederauferstandene Ikone der Baukunst

Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe
Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe | Foto: Stephan Baumann

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, eine Gebäudeanlage aus den 1960er-Jahren, wurde aufwendig saniert.

„Residenz des Rechts“ wird die ehemals großherzoglich-badische Residenzstadt Karlsruhe heute gerne genannt, denn hier haben der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht ihren Sitz. Und wann immer über höchstrichterliche Entscheidungen der Verfassungshüter im Fernsehen zu berichten ist, rücken die Kameras auch den modernen Bau des Verfassungsgerichts aus den 1960er-Jahren ins Bild. Für zweieinhalb Jahre war von dem Bau jedoch wenig zu sehen. Das Pavillonensemble unmittelbar neben dem barocken Karlsruher Schloss musste grundlegend saniert werden: Die Richter klagten über Hitze im Sommer, Zugluft im Winter und undichte Dächer. Die Energiebilanz hatte geradezu verfassungswidrige Werte angenommen.

Transparenz und Würde

Der Bau ist der große Wurf des Berliner Architekten Paul Baumgarten (1900–1984). Er wurde 1969 eingeweiht und war das erste Gerichtsgebäude in Deutschland, vielleicht sogar weltweit, bei dem man bewusst vermied, Macht und Würde durch gebieterische architektonische Repräsentationsformen zum Ausdruck zu bringen. Baumgarten verzichtete auf Renaissance und Barock, auf Portikus und monumentale Säulen. Er benötigte keine Festungsmauern und keine Symmetrieachsen oder andere Herrschaftssymbole, die üblicherweise die Bürger vor dem hohen Gericht einschüchtern und den Herrschaftsanspruch des Staatsapparates bekräftigen sollen.
 
  • Bundesverfassungsgericht Karlsruhe Foto: Stephan Baumann
    Bundesverfassungsgericht Karlsruhe
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Da gemäß dem deutschen Grundgesetz die Macht vom Volke ausgeht, werden Gesetze in einem transparenten Prozess vom Bundestag gemacht, wobei auch das Verfahren und der Vollzug der Gesetze Transparenz und Kontrolle durch den Bürger verlangen. Transparenz und Würde ist deshalb das Credo, dem sich der Architekt verpflichtet fühlte. Es war ihm Programm und Symbolik zugleich. Die Richter im Sitzungssaal, die Prozessparteien und die Prozessbeobachter sitzen im Glashaus, sie haben immer die Umgebung vor Augen, sie sehen die Stadt und die Menschen, das Volk – den Souverän.

Schwebende Baukörper

Baumgarten hatte dem dreigeschossigen Sitzungssaal-Gebäude vier flachere, pavillonartige Gebäude zugeordnet: eines für die Richter, eine Bibliothek, ein Casino mit öffentlichem Restaurant und einen Verwaltungsbau. Ein gläserner Gang verbindet die Bauten miteinander. Er schwebt ebenso über dem Gelände wie die Büros der Richter in einem aufgeständerten Baukörper mit Innenhof, „Richterring“ genannt. Der benachbarte Botanische Garten umfängt das Ensemble, der Grünraum fließt sogar zum Teil unter den schwebenden, leichten Volumina hindurch. Zäune und Mauern gibt es erstaunlicherweise nach wie vor nicht.

Sensible Erneuerung

Ein Leichtes war die Sanierung für das zuständige Hochbauamt Baden-Baden nicht, denn das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Amtsleiter Wolfgang Grether, der das 55-Millionen-Euro-Unterfangen als verantwortlicher Architekt leitete, verfolgte demnach vor allem ein Ziel: Er wollte am Ende einen Bau vorweisen, der so weitgehend dem bauzeitlichen Original entspricht, dass nur Fachleute die Veränderungen feststellen können. Der Grad der Erneuerung bereitete den Denkmalpflegern aber durchaus Bauchschmerzen. Die Holzfenster mit Dreifachverglasung, die Außenwände mit zeitgemäßer Wärmedämmung, die Dachdeckungen, die gesamte Außenhaut sind nagelneu. Die für das Gebäude charakteristischen Fassadenplatten aus Gussaluminium allerdings wurden gereinigt und neu montiert.

Auch im Inneren beklagen Denkmalpuristen viel Verlust an Originalsubstanz. Unsensible Vorgehensweise kann man dem Hochbauamt freilich nicht vorwerfen. Im Gegenteil, es wurde erhalten, was zu retten war, teilweise mit hohem Aufwand. So haben Handwerker die hölzernen Wandverkleidungen und die Ausbauteile sorgfältig aufgearbeitet. Vor allem aber bemühte man sich, das optische Erscheinungsbild der Architektur nicht zu verändern. Neue Kühldecken ähneln den Vorgängerkonstruktionen ohne Sekundärfunktion, alle Leuchten wurden nachgebaut und durchgängig mit LED-Leuchtmitteln bestückt. Die neuen Sicherheitsgläser sind optisch von den alten nicht zu unterscheiden, die aber nicht mehr den Vorschriften entsprachen. Neu erforderliche Brandabschnittstüren wurden im Design angepasst. Viel Mühe bereitete die Installation der umfangreichen Haus- und Kommunikationstechnik in Decken und Kanälen mit nur geringen Platzreserven. Dem Sitzungssaal zum Beispiel merkt man die technische Ausstattung auf dem neuesten Stand nicht an. Bis auf die dezenten Lautsprecher sieht er exakt aus wie zu Baumgartens Zeiten.

Kunst im Diskurs mit der Architektur

Unzweifelhaft neu ist die Kunst am Bau. Franz Ackermann fiel die Aufgabe zu, mehrere Innenwandsegmente zu bemalen. Seine großformatigen Gemälde in den Fluren des Richtergebäudes reichen zum Teil über zwei Geschosse. Auf den ersten Blick handelt es sich um abstrakte, ausgesprochen farbenfreudige Kompositionen, auf den zweiten Blick assoziiert man architektonische Strukturen wie in der Arbeit Zwei Lasten, Beschilderungen wie bei Der Treffpunkt oder Kommunikationsnetze, etwa im Werk Strömung. Vage urbanistische Strukturen geraten unter farbigen Gewitterstürmen in Bewegung und Auflösung. Ackermann nutzt seine künstlerische Freiheit, um mit der Architektur in Korrespondenz zu treten und mit ihr zu spielen, sie zu kommentieren. Gleichzeitig stellt er hierarchische Ordnungen infrage, auch die eines scheinbar festgefügten Rechtssystems. Ein malerischer Diskurs also, der dem Gericht gut zu Gesicht steht – und der aufgrund seiner eingängigen Ästhetik ein für zeitgenössische Kunst ungewöhnliches Maß an allgemeiner Akzeptanz erfährt.

In den einschlägigen Standardwerken zur Architektur der frühen Bundesrepublik war Paul Baumgarten durchaus vertreten, etwa mit dem Wiederaufbau des Berliner Reichstags (der mittlerweile von Lord Norman Foster zum Bundestag neuerlich umgebaut wurde), nicht jedoch mit dem Bundesverfassungsgericht. Doch das wird sich ändern. Nun, da es mustergültig saniert und strahlend wiedererstanden ist, wird das in Fachkreisen bislang etwas verkannte Bauwerk seinen gebührenden Platz in der Baugeschichte der Bundesrepublik als Ikone der Baukunst der 1960er-Jahre einnehmen.
 

Literatur

Falk Jaeger, BVerfG und BMUB (Hg.), Transparenz und Würde – Das Bundesverfassungsgericht und seine Architektur, Jovis Verlag, Berlin 2014
Annette Menting, Paul Baumgarten – Schaffen aus dem Charakter der Zeit, Gebrüder Mann Verlag, Berlin 1988