Architekturausbildung Denkmalpflege als Exportprodukt

Vermessung des Marienturms | Kaiserpfalz Aachen
Vermessung des Marienturms | Kaiserpfalz Aachen | (Ausschnitt) | Foto: Peter Winandy

Die europäischen Standards zur Denkmalpflege gelten weltweit als feste Größe zur Erhaltung, zum Wiederaufbau und Schutz von Kulturgut. Immer mehr Nicht-Europäer studieren auch in Deutschland Architektur und Denkmalpflege und transferieren damit ihr Wissen in ihre Heimatländer.
Christian Raabe von der RWTH Aachen, Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege und Historische Bauforschung (DHB) erläutert die Ausbildung zur Denkmalpflege und deren Wirkung.
 

Herr Raabe, was beinhalten die europäischen Denkmalpflegestandards?
 
International betrachtet ist das formulierte Ziel der Denkmalpflege immer das gleiche: Es geht um den Schutz von Kulturgut. Die Vorstellung, dass der Schutz der Denkmäler eine staatliche Aufgabe ist, entstand um 1800. Von großer Bedeutung für die Entwicklung in Deutschland war das von dem Architekten Karl Friedrich Schinkel im Jahr 1815 verfasste Memorandum zur Denkmalpflege, in dem zum ersten Mal Strukturen einer staatlichen Denkmalpflege skizziert wurden. Frankreich erließ bereits 1887 ein erstes Denkmalschutzgesetz, das als Vorbild für die moderne Denkmalschutzgesetzgebung gilt. 1964 wurde dann die Charta von Venedig formuliert, ein Jahr später folgte die Gründung des International Council on Monuments and Sites (ICOMOS), das unter anderem auch die UNESCO zum Welterbestatus berät. In der Folge haben sich international anerkannte Regeln und Methoden zur Denkmalpflege entwickelt.
 
Sind diese Grundsätze der Erhaltung übertragbar auf außereuropäische Gebiete? Wo können oder müssen Abstriche gemacht werden?
 
Die Ziele und auch die Methoden sind selbstverständlich übertragbar. Die Fachleute, die sich in den verschiedenen Ländern um Denkmäler bemühen, gehören den gleichen internationalen Fachorganisationen wie zum Beispiel ICOMOS an und besuchen dieselben internationalen Tagungen. Europäisch oder nicht spielt dabei keine Rolle.
 
Abstriche müssen gemacht werden, wenn die rechtliche Absicherung des Denkmalschutzes nicht ausreicht oder aber übergangen wird, oder wenn rechtliche Interpretationsspielräume bestehen, die bei uns eher unüblich sind. Damit verbunden sind das Thema der Finanzierung und die Frage nach dem Stellenwert der Denkmalpflege im Bewusstsein von Bürgern, Politik und Administration. Vergessen wir nicht, dass wir selbst bis in die 1980er-Jahre hinein in unserem Land viele denkmalwerte Gebäude ohne große Hemmungen abgerissen haben.
 
Welche Unterrichtseinheiten bietet Ihre Hochschule zum Thema Denkmalschutz?
 
Im „klassischen“ Architekturstudium an der RWTH Aachen stehen die Entwurfs- und die Konstruktionslehre im Zentrum, die von fünf interdisziplinären Schwerpunkten, sogenannten Verbundforschungsfeldern, flankiert werden: Cultural Heritage, Reuse and Redevelopment, Infrastructure, Production and Process, Material, Structure and Function, Context and Form.
 
Im Bereich Cultural Heritage sind die Fächer Architekturgeschichte, Kunstgeschichte, Architekturtheorie sowie Denkmalpflege und Historische Bauforschung im Pflicht- und Wahlfachprogramm vertreten. Die Denkmalpflege bereitet die Studierenden auf die Fragestellungen vor, die in der Praxis mit der Konservierung und Restaurierung von Gebäude verbunden sind. Neben der Geschichte der Theoriebildung und der denkmalpflegerischen Praxis werden die wesentlichen Dokumentations- und Untersuchungsmethoden vorgestellt und es gibt eine Einführung in die Besonderheiten historischer Materialien und Konstruktionen. Hinzu kommt dann noch etwas Rechts- und Institutionenlehre, um zu wissen, wie unsere nationale Denkmalpflege und auch der Welterbestatus organisiert sind und welche Kriterien hier jeweils gelten.
 
Welche Erfahrungen haben Sie mit Studierenden aus anderen Kulturkreisen gemacht, gibt es große Unterschiede in der Wahrnehmung was erhaltenswert ist, und was nicht? Konnten Sie Ihnen etwas mitgeben, was Ihnen vor Ort, in ihrer Heimat, helfen kann?
 
Die Kriterien für die Denkmalwürdigkeit unterscheiden sich in der Tat international. Seitens vieler Studenten und Studentinnen aus anderen Kulturkreisen gibt es ein großes Interesse an dem Thema. Nicht selten hat man das Gefühl, dass für sie das eigene Erbe von Deutschland aus betrachtet an Bedeutung gewinnt und die Fragen nach der Notwendigkeit des Erhalts wichtiger werden. Der Umgang mit den Denkmälern in der Heimat wird thematisiert und häufig negativ kommentiert.
 
Es ist ein bisschen wie mit der Entwicklung des Umweltbewusstseins: Eine Gesellschaft sowie die politischen und administrativen Vertreter müssen die Pflege des baulichen Erbes als Verpflichtung annehmen. Für einen vernünftigen Denkmalschutz brauche ich also eine „kritische Masse“, zu der auch bürgerschaftliches Engagement, Mäzenatentum und natürlich die entsprechende Ausbildung gehören.
 
Mitgeben können wir unsere Ausbildung, die natürlich vor allem auf unsere Verhältnisse und unsere Baukultur abzielt, die aber von den Studierenden übertragen werden. Die „kritische Masse“ können wir aber nicht erzeugen, und wenn die fehlt, dann schicken wir eben Einzelkämpfer zurück. Immerhin ein Anfang.
 

Kooperationen zwischen deutschen und außereuropäischen Hochschulen existieren zum Beispiel an BTU Cottbus Senftenberg mit der Helwan University in Kairo, an der RWTH Aachen mit dem Iran.
Zurzeit wird mit der Unterstützung des Auswärtigen Amtes ein Master-Studiengang Architectural Conservation an der German Jordanian University (GJU) in Amman/Jordanien eingerichtet. Angesprochen sind hier neben jordanischen interessieren Bachelorabsolventen verwandter Fächer vor allem Studierende aus z.B. Syrien oder dem Irak, die in einem der Flüchtlingslager in Jordanien untergebracht sind.
 

 

Christian Raabe Foto: RWTH Aachen Prof. Dr.-Ing. Christian Raabe, Architekt, seit 1994 Büropartnerschaft mit Prof. Dr.-Ing. Martina Abri. 2008 Berufung zum Professor für Denkmalpflege und Historische Bauforschung (DHB) an die RWTH Aachen University. Zahlreiche Restaurierungsprojekte in Berlin und im Ausland.