Schulbibliotheken „Entscheidender Beitrag zur Informationskompetenz“

Schulbibliothek
Schulbibliothek | Foto (Ausschnitt): © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Schulbibliotheken leisten einen zentralen Beitrag bei der Vermittlung von Informationskompetenz. Dennoch spielen sie in der Bildungspolitik in Deutschland kaum eine Rolle. Goethe.de sprach mit Julia Rittel, der Vorsitzenden der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Nordrhein-Westfalen über Verbesserungsmöglichkeiten.

Frau Rittel, welche Bedeutung haben Schulbibliotheken Ihrer Meinung nach?

Schulbibliotheken können ganz erheblich zu einem modernen Unterricht beitragen. Modern – im Sinne von Individualisierung und Selbsttätigkeit, aber auch von Chancengerechtigkeit. Es reicht heute nicht mehr aus, im Laufe der Schulzeit eine bestimmte Menge an Wissen zu sammeln, sondern man muss informationskompetent sein, um sich immer neues Wissen erschließen zu können. Und dazu kann die Schulbibliothek entscheidend beitragen.

Was passiert in Ihrer Schulbibliothek, der Mediothek des Berufskollegs Bonn-Duisdorf?

Unsere Bibliothek ist jeden Tag acht Stunden geöffnet – von der ersten Schulstunde bis 16 Uhr. Hier findet zwei- bis dreimal am Tag Unterricht mit ganzen Klassen statt. Zudem werden häufig Kleingruppen aus dem Unterricht in die Bibliothek geschickt, um hier etwas zu recherchieren. Nach dem Unterricht nutzen Schüler die Bibliothek, um zu lernen, Hausaufgaben zu machen, zusammen an Referaten zu arbeiten oder um Bewerbungen zu schreiben.

Braucht jede Schule Ihrer Meinung nach eine Bibliothek?

Ja!

Warum reichen die vielfältigen Kooperationsmöglichkeiten mit öffentlichen Bibliotheken nicht aus?

Ich habe selber lange in einer kombinierten öffentlichen und Schulbibliothek gearbeitet. Das ist fast ideal: Man hat das Know-how und den Bestand der öffentlichen Bibliothek und ist dennoch direkt vor Ort. Wenn sich die Bibliothek nicht im Schulgebäude befindet, ist man einfach nicht flexibel genug, um sie wirklich in den Unterricht einbauen zu können. Und dann ist oft – einfach durch den räumlichen Abstand – auch die Hemmschwelle zu groß.

In eine gute Schulbibliothek kann man spontan jemanden aus dem Unterricht schicken oder auch mit der ganzen Klasse hingehen. Sie ist genau auf die Erfordernisse des Unterrichts eingestellt. Die Schüler können sich hier auch nach der Schule oder in Freistunden aufhalten – ohne Barriere.

Wie sieht es mit dem Stellenwert aus, den die Schulbibliotheken in der bildungspolitischen Diskussion in Deutschland haben?

Der ist erstaunlich gering. Es ist wahnsinnig schwer, das Thema in die öffentliche Diskussion einzubringen.

Woran liegt das?

Das liegt an verschiedenen Traditionen. Es gibt in Deutschland eine lange Tradition des Frontalunterrichts. Und es gibt eine sehr positive Tradition von guten Lehrbüchern, die eine Schulbibliothek vielleicht weniger nötig gemacht haben.

In Preußen gab es bis 1920 in jeder Schule eine Bücherei. Dann ist diese Tradition abgebrochen. Tatsächlich haben die Menschen, die heute in Deutschland über bildungspolitische Fragen entscheiden, selbst nie eine Schulbibliothek erlebt. Deshalb können sie sich auch nicht viel darunter vorstellen. Heute gibt es nicht einmal offizielle Zahlen über das deutsche Schulbibliothekswesen. Etwa zehn Prozent aller Schulen sollen eine Schulbibliothek haben, die modernen Ansprüchen genügt. Aber das ist eine völlig vage Schätzung.

Nach dem Schock über die Ergebnisse der PISA-Studie aus dem Jahr 2000 gab es kurz etwas Aufwind für die Schulbibliotheken …

Ja. Daraufhin sind ja auch viele Ganztagsschulen entstanden – und da kamen Schulbibliotheken wieder etwas mehr ins Gespräch. Man musste überlegen, wo die Schüler lernen und sich aufhalten können, wenn sie den ganzen Tag in der Schule sind. Deswegen sind nach PISA in vielen Schulen eine Mensa und eine Schulbibliothek gebaut worden – oft leider ohne weiterführendes didaktisches Konzept.

Gibt es positive Beispiele in den deutschen Bundesländern?

Dafür, dass es so wenig Struktur gibt, gibt es erstaunlich viele positive Beispiele. Ein großes Highlight ist die Frankfurter Schulbibliothekarische Arbeitsstelle. Sie wird unter dem Dach der Stadtbibliothek von mehreren Hauptamtlichen betreut und ist für alle Schulen in Frankfurt am Main zuständig. In Hessen unterstützt das Kultusministerium in Zusammenarbeit mit der dortigen Landesarbeitsgemeinschaft die Schulbibliotheken.

In anderen Bundesländern sind die Verantwortlichen von Schulbibliotheken häufig auf sich allein gestellt …

Ja, das ist vielfach ein Stochern im Nebel. Oft gibt es niemanden, an den man sich wenden kann. In Nordrhein-Westfalen versuchen wir das mit unserer Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken und unseren regionalen Arbeitsgruppen ein bisschen aufzufangen. Aber das kann man ehrenamtlich nur in einem gewissen Rahmen leisten.

Wir bräuchten flächendeckend zentrale Beratungs- und Servicestellen. Es wäre sehr hilfreich, wenn man bei den Bezirksregierungen, beim Land oder bei den einzelnen Kommunen professionelle Ansprechpartner hätte, die an verbindlichen Standards und Best-Practice-Beispielen arbeiten.

Fordern Sie, dass jede Schulbibliothek von einer hauptamtlichen Kraft geleitet wird?

Nein, dann kämen wir wohl nie weiter. Ich finde es aber schon sehr sinnvoll, wenn jemand die Fäden zusammenhält, in den Gremien sitzt und Anstöße gibt, so wie ich das zum Beispiel in den USA erlebt habe. Auch dass diese Person eine Doppelqualifikation des „Teacher Librarian“ hat, wäre sehr wünschenswert und das ist auch der internationale Standard.

Es wäre uns aber auch schon sehr geholfen, wenn an jeder Schule Lehrer, Eltern oder Teilzeitkräfte für die Bibliothek verantwortlich wären und es dazu eine professionelle Beratung gäbe, die diese Menschen gut unterstützt.