One-Person-Library Alles in einer Hand

Jürgen Plieninger
Jürgen Plieninger | Foto (Ausschnitt): © privat

Tausende Bibliotheken in Deutschland werden von einer einzigen Fachkraft betreut. Über die Schwierigkeiten und Chancen, die das mit sich bringt, berichtet Jürgen Plieninger, Vorsitzender der Kommission für One-Person-Librarians im Berufsverband Information Bibliothek (BIB).

Herr Plieninger, was versteht man unter One-Person-Libraries (OPLs)?

Das sind Bibliotheken, in denen eine Fachkraft – sei es eine Bibliothekarin oder ein Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste – die gesamte Bibliothek managt. Eine One-Person-Library ist also eine Kleinstbibliothek, in der große Anforderungen an das Personal gestellt werden. Hier macht eine einzige Person alles, was in großen Bibliothekssystemen arbeitsteilig erledigt wird. Ein One-Person-Librarian muss daher über vielfältige Kompetenzen verfügen, um die Arbeit erfolgreich zu erledigen.

Vom Infozentrum bis zur Klosterbibliothek

In welchen Bereichen gibt es solche Bibliotheken in Deutschland?

Sie finden OPLs sowohl im Bereich der Öffentlichen als auch der Wissenschaftlichen Bibliotheken. Bei letzteren sind das Bibliotheken in Hochschulen, aber beispielsweise auch in Kanzleien, Behörden, Museen, Krankenhäusern, Forschungsinstituten, Pharmafirmen, kirchlichen Einrichtungen.

Sind diese Bibliotheken immer besonders klein – was die Räumlichkeiten und den Bestand betrifft?

Da eine Bibliothek immer von der Finanzausstattung der Trägerorganisation abhängt, finden Sie oft kleine Bibliotheken. Manche One-Person-Libraries sind übrigens auch in Informationszentren übergegangen, wo dann gar keine Räumlichkeiten mehr vorhanden sind, die Fachkraft aber die Lizenzen, das Intranet und manches andere mehr verwaltet. Informationsdienstleistung ist ja nicht an Bücher gebunden.

Aber es gibt durchaus auch OPLs mit großen Beständen. Denken Sie nur an manche Klosterbibliotheken, die ja eine lange Geschichte und in der Regel eine gute Raumausstattung haben, aber bei denen im Laufe der Zeit am Personal gespart werden musste.

Vielfältige Kompetenzen gefragt

Mit welchen besonderen Herausforderungen haben es One-Person-Librarians zu tun?

Ich sehe da drei große Herausforderungen. Zum einen das Selbstmanagement: die verschiedenen Anforderungen gut auszutarieren, ihnen zu entsprechen, ohne sich dabei aufzureiben.

Dann: Schritt zu halten mit der technischen Entwicklung und die Technik so einzusetzen, dass man möglichst rationell arbeitet und den Nutzern die optimalen Dienstleistungen bieten kann. Gerade hier ist die Frage nach der Kompetenz prekär. Viele Entwicklungen gehen derzeit in die Richtung, dass die bibliothekarische Fachkraft quasi programmieren können muss. Hier sind entweder Kooperationen gefragt oder Kompetenzen, das entsprechende Know-how kostengünstig einzukaufen.

Und drittens: Sichtbar zu bleiben für die Geschäftsleitung der Trägerorganisationen und den Nutzen der Bibliothek stets optimal zu kommunizieren.

Hat es nicht auch Vorteile, allein für alles zuständig zu sein?

Natürlich! Man kann im Arbeitsalltag seinen eigenen Rhythmus leben, kann oft initiativ werden, flexibel auf Anforderungen reagieren. Es ist schon schön, wenn man zurückblickt und merkt, wie gut sich die Bibliothek entwickelt hat und dass man den Herausforderungen begegnen konnte – gegebenenfalls ohne schwierige Entscheidungsprozesse.

Wie versucht die BIB-Kommission für One-Person-Librarians diese Bibliothekare und Bibliothekarinnen zu unterstützen?

Die Kommission hat in ihrer über zehnjährigen Geschichte nicht nur versucht, Bedürfnisse aufzugreifen, die beispielsweise in Fortbildungen offenbar wurden, sondern auch proaktiv Themen anzugehen. Das waren in der Anfangszeit vor allem Themen des Selbst- und Bibliotheksmanagements, später dann technische Themen, beispielsweise die Bibliothek 2.0. Dazu gab es Fortbildungen und Publikationen – etwa die „Flaschenpost“ und die „Checklisten“, die wir kostenlos auf unserer Homepage anbieten und die sehr positiv aufgenommen werden.

Chancen der digitalen Technik

Welche Strategien und Entwicklungsmöglichkeiten bieten sich gerade in der digitalen Welt für One-Person-Libraries?

Wenn man die One-Person-Library als eine Sonderform des Bibliotheksmanagements begreift, die insbesondere auf gekonntem Marketing beruht, dann ist jede Technik hilfreich, die die Dienstleistungen einer Bibliothek stärker in Richtung Benutzerbedürfnisse ausrichtet. Wenn man die Web-2.0-Software nimmt, dann kann man sie beispielsweise sehr gezielt für die externe Öffentlichkeitsarbeit, die interne Kommunikation und die Arbeitsorganisation einsetzen.

Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft der One-Person-Libraries frei hätten …

Ich wünsche mir, dass jede One-Person-Library die Fachkraft hat, die sie verdient: offen, proaktiv, fachlich kompetent und so professionell eingestellt, dass er oder sie sich nicht überfordert. Und dass jede Bibliothekarin und jeder Bibliothekar auch das verdienen sollte, was der umfassenden intensiven Tätigkeit entspricht. Aber das ist schon ein zweiter Wunsch und gilt nicht nur für One-Person-Librarians.