Korruptionsbekämpfung Aufklärungsinstanz Bibliothek

IFLA 2013

Als Garanten der Informationsfreiheit sorgen Bibliotheken für Transparenz und unterstützen damit den Kampf gegen Korruption. Doch das Bewusstsein für diese wichtige Funktion wächst erst langsam, meint Hermann Rösch, Professor am Institut für Informationswissenschaft der Fachhochschule Köln, im Gespräch mit Goethe.de.

Herr Rösch, wie würden Sie die Rolle der Bibliotheken im Kampf für Transparenz und gegen Korruption beschreiben?

Bibliotheken sind prinzipiell Einrichtungen, die wesentlich zur informationellen Grundversorgung der Bürgerinnen und Bürger beitragen. Diese wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass der unterschiedliche Informationsstand zwischen Bürgern und Regierung verringert wird. Nur wenn ich als Bürger weiß, was für ein Handeln sich auf Regierungsebene abspielt, kann ich mich entsprechend positionieren, zustimmen oder Protest anmelden. Das heißt, die Versorgung mit Informationen ist die Voraussetzung für Meinungsfreiheit und Demokratie.

Natürlich sind die Bibliotheken mit dieser Aufgabe nicht allein. Aber Bibliotheken können – durch ihre Qualitätsgarantie, ihre ökonomische Unabhängigkeit und ihre Verpflichtung zur Neutralität – diese Rolle weitaus besser spielen als etwa die Medien, die in privater Hand oder von Regierungen abhängig sind und unter ökonomischen Zwängen stehen.

„Man muss um die Ecke leuchten“

Bibliotheken sorgen also für Transparenz?

Ja, ihr Auftrag ist es, Materialien, die Regierungstätigkeiten dokumentieren, kommentieren oder kritisieren, zu sammeln, zu erschließen und bereitzustellen. Daher sind sie Einrichtungen, die die politische Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern erleichtern.

Wenn man beispielsweise Korruption auf politischer Ebene bekämpfen will, muss man sie ja erstmal erkennen. Man muss Transparenz ermöglichen – sozusagen um die Ecke leuchten. Dann können die Bürger eher entdecken, dass etwa hinter verschlossenen Türen irgendwelche Absprachen getroffen worden sind, die möglicherweise nicht rechtskonform waren.

Sind sich die Bibliothekarinnen und Bibliothekare in Deutschland bewusst, dass sie für die demokratische Meinungsbildung eine wichtige Rolle spielen?

Schon die Lesegesellschaften, die im 18. Jahrhundert als Vorläufer der öffentlichen Bibliotheken entstanden sind, hatten zum Ziel, Macht zu kontrollieren und demokratische Strukturen anzustreben. Wenn heute Bibliotheken zur Stärkung der Demokratie, zur Transparenz und zur Bekämpfung politischer Korruption beitragen, dann geschieht dies jedoch eher implizit.

Wenn wir diese politische Funktion bewusst und explizit in den Vordergrund rücken und entsprechende Angebote entwickeln würden, könnte unser Beitrag zur Bekämpfung von Korruption größere Wirkung zeigen. Und dem Ansehen der Bibliotheken würde dies sicher auch nutzen.

Warum ist das nicht längst geschehen?

Das hat sicher auch damit tun, dass diese Rolle im Bibliothekswesen insgesamt noch nicht lange explizit artikuliert wird. Im Weltverband der Bibliotheken wurde erst 2008 ein Manifest dazu verabschiedet ...

... das IFLA-Manifest zu Transparenz, verantwortungsbewusster Regierungsführung und Korruptionsfreiheit …

Ja, genau. Nach meiner Einschätzung ist das wirklich eine sehr hilfreiche Positionierung, die als Orientierungsmaßstab dient. Sie soll die Funktion, die Bibliothekarinnen und Bibliothekare oft unterbewusst oder auch unbewusst miterfüllen, zu einer bewussten und gesteuerten Funktion machen. Denn dann könnten wir Bibliothekare dieses Angebot viel intensiver und viel wirkungsvoller betreiben, als wir es gegenwärtig tun.

Rolle der Bibliotheken im politischen System

Im IFLA-Manifest heißt es, Bibliotheken sollten „Anti-Korruptions-Portale einrichten und bereits bestehende oder geplante Bürgerberatungsstellen, die von Anti-Korruptions-NGOs betrieben werden, unterstützen.“ Geschieht dies bereits irgendwo auf der Welt?

Das ist mir nicht bekannt. Aber die Rolle dieses Manifests ist es ja nicht, einen bestehenden Zustand zu beschreiben, sondern ein Ziel zu artikulieren.

Was könnten die Bibliothekarinnen und Bibliothekare denn konkret tun, um ihrer Aufklärungsrolle mehr Ausdruck zu verleihen?

Die Auffassung von ihrem Beruf ist in der täglichen Praxis der Bibliothekare in Deutschland stark auf die Bereitstellung und Erschließung von Medien bezogen – und viel weniger auf eine aktive Rolle im politischen System. Ihre dahingehende Funktion wäre deutlicher, wenn sich Bibliothekare über ihre Dach- und Berufsverbände zu gesellschaftlichen Kontroversen rund um das Thema Informationsfreiheit positionieren würden.

Das betrifft aktuell vor allem den Bereich des Datenschutzes. Als Bibliothekare haben wir ein massives Interesse daran, dass der Datenschutz hochgehalten wird. Ich fände es zum Beispiel nicht schlecht, wenn man sagen würde: Wir als Bibliothekare sind Anwälte von Meinungs- und Informationsfreiheit und die sehen wir durch den Einsatz von Bundestrojanern – also einer Software, mit der private Computer durchsucht werden können – gefährdet.

Ich denke, wir haben noch nicht in ausreichendem Maße erkannt, welch wichtige Rolle wir in der Informationsgesellschaft einnehmen können.