Deutsche Digitale Bibliothek „Digitalisierung braucht eine Strategie“

Ute Schwens
Ute Schwens | Foto (Ausschnitt): © dnb

Ab 2012 soll die Deutsche Digitale Bibliothek mit Inhalten gefüllt werden. Auch deshalb braucht Deutschland eine Digitalisierungsstrategie, erklärt Ute Schwens, die Direktorin der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main.

Frau Schwens, Ihr Vortrag auf dem diesjährigen Deutschen Bibliothekartag hieß „Deutschland braucht eine Digitalisierungsstrategie“. Läuft die Digitalisierung hierzulande denn im Moment planlos?

Die Digitalisierungen werden natürlich auch heute schon sehr planvoll, meistens nach den Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft, durchgeführt. Die DFG ist ja der größte Förderer in diesem Bereich – und sie ist sehr stark wissenschaftlich orientiert. Aus der Sicht der Deutschen Digitalen Bibliothek sollte das Spektrum aber breiter werden.

Bislang gibt es verhältnismäßig wenig digitalisierte Materialien aus Archiven und so gut wie gar keine aus Museen oder aus den Bereichen Film und Denkmalschutz. Für die Deutsche Digitale Bibliothek, die wir zurzeit aufbauen, sind das wichtige Standbeine. Ein Gesamtbild, wie es die Deutsche Digitale Bibliothek zeichnen will, gibt es noch nicht.

Priorisierung und Balance

Warum braucht man dafür eine Strategie?

Zum einen, weil die finanziellen Mittel immer knapp sein werden. Also muss man auswählen und priorisieren. Zum anderen, weil man aus Kapazitätsgründen nicht alles auf einen Schlag machen kann. Die Digitalisierungsvorhaben müssen in eine Reihenfolge gebracht werden. Das Digitalisieren braucht einfach seine Zeit, etliche Jahre.

Was soll eine Strategie, wie Sie sie sich wünschen, regeln?

Die zentralen Fragen sind für mich: Womit beginnt man bei der Digitalisierung? Und wie erreicht man von Anfang an eine gewisse Ausgeglichenheit? Schließlich sollen nicht nur alle Sparten – Bibliotheken, Museen, Archive und der Denkmalschutz –, sondern auch alle Themenbereiche und Nutzerinteressen abgedeckt sein.

Wir dürfen nicht zu stark in eine Sparte oder auch eine Materialart gehen, denn wir sehen bei der Zielgruppe, und das sind alle Menschen, die das Internet nutzen, sehr breit gefächerte Interessen. Wir wollen ja am Ende nicht nur Texte in der Deutschen Digitalen Bibliothek haben. Manche Nutzerinnen und Nutzer interessieren sich eher für Musik, für Film oder für die Bestände von Museen. Hier muss man ausgewogen arbeiten.

Zeitliche Planung und Qualitätsstandards

Und dann geht es noch um den konkreten zeitlichen Ablauf …

Auch bei der Frage, in welcher Reihenfolge welche Materialien digitalisiert werden, gilt es eine Balance zwischen den Institutionen und Fächern zu halten. Es geht also um Prioritäten und um Kriterien für eine Abfolge. Dabei spielen neben inhaltlichen Fragestellungen immer auch politische Argumente – wie etwa die Verteilung auf die Bundesländer – eine Rolle.

Ein weiterer großer Bereich sind die Qualitätskriterien für die Digitalisate, auf die man sich einigen muss. Und auch bei technischen Fragen muss man natürlich einen Rahmen abstecken, wenn Digitalisate unterschiedlicher Herkunft in einen Gesamtkomplex eingebunden werden sollen.

Vorbilder in anderen Ländern?

Gibt es in anderen Ländern bereits Strategien dafür?

Andere Länder sind aus verschiedenen Gründen nicht mit der Situation in Deutschland zu vergleichen. Etwa weil sie zentralistisch organisiert sind oder weil sie einfach kleiner sind. Nehmen Sie zum Beispiel Frankreich: Dort digitalisieren höchstens zwei oder drei Institutionen – wie die Nationalbibliothek und das Institut national de l’audiovisuel.

Ein anderes Beispiel sind die Niederlande. Die Königliche Bibliothek der Niederlande hat große Mittelzuweisungen erhalten und organisiert die Digitalisierung nun zusammen mit vielleicht zwölf oder fünfzehn anderen Einrichtungen.

Die föderalistische Struktur Deutschlands prägt kulturelle Vorhaben in besonderer Weise. Sie sorgt für Vielfalt, bringt aber auch Abstimmungsbedarf mit sich. Hinzu kommt, dass bei uns viel, viel mehr Institutionen betroffen sind als in anderen Ländern. Die Deutsche Digitale Bibliothek soll ja als zentrales nationales Portal die digitalen Angebote von rund 30.000 Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen miteinander vernetzen. Trotz aller Unterschiede können wir aber sicher von den Beispielen aus anderen Ländern lernen.

Und gibt es in Deutschland bereits Strategien für bestimmte Bereiche, auf denen man aufbauen kann?

Es gibt Strategien einzelner Bibliotheken, die man ebenso wie die Richtlinien der DFG in eine Gesamtstrategie einbeziehen wird. Auch auf politischer Ebene haben sich Fachleute in den Bundesländern bereits mit der Fragestellung befasst. Das Land Brandenburg hat eine eigene Digitalisierungsstrategie entwickelt und verabschiedet. Die Deutsche Digitale Bibliothek muss also nicht bei Null anfangen.

Verbände entwickeln gemeinsame Lösung

Und wer sollte die Strategie Ihrer Meinung nach entwickeln?

Ich stelle mir vor, dass die Deutsche Digitale Bibliothek mit ihrer Geschäftsstelle und ihrem Vorstand die Organisation und Moderation dieses Prozesses übernehmen kann.

Sie würde die Verbände der einzelnen Sparten ansprechen – also neben dem Bibliotheksverband die Archivreferentenkonferenz und den Museumsbund – und sie bitten, jeweils zwei Vertreter zu entsenden. In einem solchen Gremium könnte eine nationale Digitalisierungsstrategie diskutiert und gemeinsam entwickelt werden.

Haben Sie Hoffnung, dass Ihre Forderung gehört wird?

Es ist ja nicht nur meine Vorstellung, sondern der Wunsch von vielen. Das ist immer ein guter Ausgangspunkt, der zu Hoffnungen berechtigt. Die Deutsche Digitale Bibliothek fängt jetzt an, mögliche Spartenvertreter anzusprechen. Schließlich gehen wir davon aus, dass wir bis Ende 2011 einen funktionierenden Prototyp für die Deutsche Digitale Bibliothek haben.

Danach können in größerem Maße digitale Inhalte eingestellt werden. Im ersten Schritt werden dies bereits vorhandene Digitalisate sein. Um neue digitale Inhalte zu generieren, werden auch Kooperationen mit der Privatwirtschaft notwendig sein. Digitalisierungskampagnen in großem Stil kann die öffentliche Hand nicht alleine finanzieren. Eine durchdachte und nachvollziehbare Strategie ist daher auch für die Werbung von Kooperationspartnern unverzichtbar.