Stadtbibliothek Stuttgart Schillernder Bücherwürfel

Stadtbibliothek Stuttgart
Stadtbibliothek Stuttgart | Foto (Ausschnitt): © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Architektonisch ist die neue Stuttgarter Stadtbibliothek ein Paukenschlag. Von außen konzipiert als strenge Schutzburg des Wissens, erweist sich ihr Inneres als lichtes Reich der Bücher. Vor allem aber setzt der Bau gerade im Zeitalter der Digitalisierung ein markantes Zeichen für die Bibliothek als konkreten Ort.

Ingrid Bussmann ist mehr als zufrieden. Anderthalb Jahre hat die Leiterin der Stuttgarter Stadtbibliothek den Umzug der Bestände vom viel zu kleinen Wilhelmspalais im Stadtzentrum in den neunstöckigen Neubau am Mailänder Platz beim Hauptbahnhof geplant: Drei Tage vor der Übergabe des Hauses an die Öffentlichkeit am 24. Oktober 2011, am deutschlandweiten „Tag der Bibliotheken“, ist er fristgerecht abgeschlossen. Sofern sie nicht ausgeliehen sind, stehen die rund 500.000 Medien bereits in den Regalen.

Jetzt steht Bussmann hoch oben an der Brüstung und blickt mit Oberbürgermeister Wolfgang Schuster die vier sich verschlankenden Stockwerke des Galeriesaals in die Tiefe. „Das ist ein bewegender Moment für mich“, sagt sie dann. „Der Raum war auch leer schon wunderbar. Aber durch die Bücher hat er endlich seine Bestimmung gefunden.“

„Ein zutiefst demokratischer Ort”

Ein „grandioses Statement für die Buchkultur“ wird Bussmann den Kubus des koreanischen Architekten Eun Young Yi in ihrer Eröffnungsrede nennen – und unterstreichen, dass sie den Bau gerade im Zeitalter der Digitalisierung und Virtualisierung nicht zuletzt als Stein gewordenes Bekenntnis zum gedruckten Buch und zur Bibliothek als konkreten Ort versteht.

Ein Ort des Dialogs und der Kulturen will das neue Gebäude mit seinen rund 11.500 Quadratmetern Nutzfläche laut Bussmann sein: „ein zutiefst demokratischer Ort, der die Orientierung im persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Leben unterstützt und zur Partizipation an der gesellschaftlichen Entwicklung beiträgt“. Und für Architekt Eun Young Yi soll die Stuttgarter Stadtbibliothek als geistiges und kulturelles Zentrum des urbanen Lebens gar jene Position einnehmen, die früher Kirche und Palast zukam: ein „Grundstein für eine neue Gesellschaft und einen neuen Geist“.

Introvertierter Baukörper

Wer sich der Stadtbibliothek an einem Stuttgarter Nebelmorgen erstmals nähert, wird die Vision zunächst nicht unbedingt verstehen. Allzu grau und abweisend wirkt der 40 Meter hohe und jeweils 44 Meter lange Bücherkubus mit seiner in neun Mal neun Felder klar gegliederten Fassade aus Sichtbeton und mattem Glasbaustein, der inmitten einer riesigen Baustelle liegt, aus der Ferne. „Bücherknast“ haben die Stuttgarter das Gebäude deshalb anfangs spöttisch genannt.

Fassade der Stadtbibliothek Stuttgart bei Nacht Fotogalerie: Stadtbibliothek Stuttgart | © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Inzwischen allerdings ist die Skepsis zusehends der Begeisterung gewichen. Warum, begreift man spätestens, wenn die Sonne durch die Wolken bricht. Denn dann erstrahlt die schillernde Fassade in weicher Eleganz und scheint je nach Lichteinfall weiß zu glühen oder golden zu erstrahlen. Nachts erzeugt der künstlich erleuchtete Bücherwürfel ohnehin seine ganz eigene blaue Stunde.

Das leere Herz

Das ruhig-homogene Bild der Fassade spiegelt sich im „Herz“ des Gebäudes wider: ein 3.000 Kubikmeter großer und bis auf ein kleines Wasserspiel am Boden absolut leerer Luftraum, in dem der Besucher die hektische Außenwelt vergessen soll. Über dem Herz erstreckt sich trichterförmig der lichte Galeriesaal mit seinem Bestand an schöner Literatur, in dem die Bücher regelrecht mit der Architektur verschmelzen. Neben deutschen Texten steht hier – nicht zuletzt für Nutzer mit Migrationshintergrund – Belletristik in 25 Sprachen zur Verfügung.

Der Galeriesaal ist über schmale Treppenhäuser zu erreichen, die das „Herz“ umschließen: ebenso wie die früher ausgelagerte Musikbibliothek im ersten Obergeschoss oder die mit kleinen Leseräumen, bunten Sitzkissen, Vitrinen und farblich abgesetzten Themeninseln besonders liebevoll gestaltete Kinderbibliothek, die auf rund 900 Quadratmetern etwa 60.000 Bücher, CDs und DVDs bereitstellt. Sie enthält auch ein ideal ausgestattetes Kinderzimmer, in dem die Lektüreempfehlungen des Hauses in den Regalen lagern.

Touchscreen-Stelen und E-Book-Downloads

Natürlich verschließt sich die neue Stadtbibliothek trotz ihres klaren Bekenntnisses zum gedruckten Buch der digitalen Technik nicht: Schließlich will sie laut einer von der Stadt Stuttgart veröffentlichten „Philosophie“ für die multimediale „Wissensgesellschaft der Zukunft“ gerüstet sein. Interaktive Touchscreen-Stelen am Eingang navigieren Besucher – ebenso wie 60 Recherche-PCs – durch die Bestände, automatische Lesegeräte ermöglichen eine Rückgabe rund um die Uhr. Zurückgegebene Medien werden mit kleinen computergesteuerten Elektrowagen über ein Schienensystem an ihren Bestimmungsort innerhalb der Bücherei zurücktransportiert.

Auf jeder Ebene kann der Nutzer mit dem Bibliotheksausweis auch eines von über 100 Notebooks ausleihen, um an einem der hellen Arbeitsplätze zu studieren. Und auf der Homepage der Bibliothek stehen E-Books, E-Papers und Audiofiles zum Download bereit.

Lustvolles Universum

Vierzehn Jahre hat es gedauert, die Idee der Stuttgarter Stadtbibliothek in die Tat umzusetzen. Nach dreijähriger Bauzeit geht für Direktorin Ingrid Bussmann nun nach eigener Aussage ein Traum in Erfüllung: „Hier ist ein Haus entstanden für die Menschen in dieser Stadt, egal welcher Herkunft, welcher Generation und welcher Schicht“. Und Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der den Bau des 79 Millionen Euro teuren Gebäudes von Beginn an unterstützt hat, sieht in der neuen Stadtbibliothek einen „Ort des lebenslangen Lernens, der Inspiration, der Begegnung für Menschen ob jung oder alt, von 170 Nationen mit ihren Kulturen, Religionen und Werten“.

Ob alle angesprochenen Stuttgarter das Angebot auch annehmen, wird die Zukunft zeigen. Ihre potenziellen Nutzer jedenfalls lockt die neue Stadtbibliothek mit einem Zitat Umberto Ecos, der zur Eröffnung ebenfalls geladen war: „Wenn die Bibliothek ein Modell des Universums ist, so sollten wir versuchen, sie in ein dem Menschen gemäßes Universum zu verwandeln. Mit anderen Worten: in eine lustvolle Bibliothek, in die man gerne geht.“ Dieses Motto hat die Architektur der Stuttgarter Stadtbibliothek auf jeden Fall perfekt umgesetzt.