Digitale Ausleihplattform Überzeugungsarbeit leisten bei der Onleihe

Onleihe
Onleihe | Foto (Ausschnitt): © Lech Rowinski

Die Onleihe, die führende digitale Ausleihplattform für Bibliotheken in Deutschland, ist mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Welches die größten sind, erläutert Geschäftsführer Jörg Meyer.

Herr Meyer, welche Rolle spielen die öffentlichen Bibliotheken für das E-Book-Geschäft der Verlage?

Eine immer geringere. Das liegt daran, dass der E-Book-Markt überproportional wächst, die Bibliotheken aber keinen höheren Medienetat zur Verfügung haben. Laut Fachverband Bitkom wurden 2013 für E-Books 286 Millionen Euro ausgegeben. Der Etat aller öffentlichen Bibliotheken beträgt insgesamt nur 100 Millionen Euro. Davon geben sie zwischen ein und zwei Prozent für E-Books aus, 2009 waren es noch 30 Prozent. Diese Entwicklung spiegelt die physische Welt wieder, in der die öffentlichen Bibliotheken ein bis zwei Prozent Anteil am gesamten Buchmarkt haben. Sie sind also keinesfalls der Totengräber des E-Book-Marktes in Deutschland.

Gibt es einen Trend unter den Verlagen, die E-Book-Lizenzen für Bibliotheken zeitlich zu befristen?

Einen Trend bemerke ich derzeit nicht. Einige Verlage denken über die zeitliche Befristung nach. Allerdings ist das Verständnis für die geringe Kaufkraft der Medienbudgets durchaus vorhanden, so dass die Laufzeiten länger sind als etwa in den USA üblich. Auch werden die Nachkaufpreise deutlich reduziert. Die Verlagsgruppe Thieme wird im Sommer 2014 eine zeitliche Befristung der Lizenzen auf zwei Jahre einführen, der Nachkaufpreis ist aber auf 50 Prozent reduziert. Danach verbleibt das Medium unbegrenzt im Bestand der Bibliothek. Andere Verlage gehen auf vier Jahre. Aber dies sind nur Einzelfälle unter 1.200 Verlagsverträgen.

Verschiedene Lizenzformen

Inwieweit kann die Onleihe dem Wunsch der Bibliotheksnutzer nach aktuellen Beständen entsprechen?

Dr. Jörg Meyer, Geschäftsführer der Onleihe Dr. Jörg Meyer, Geschäftsführer der Onleihe | © ekz Positiv für die Bibliotheken sind unsere XL-Lizenzen, da sie zum Zeitpunkt der Aktualität ein Kontingent für parallele Ausleihen erlauben. Die Bibliothek erwirbt einen Titel zum Dreifachen des gebundenen E-Book-Preises. Dafür können, im Bereich Belletristik, bis zu 20 Nutzer gleichzeitig das Medium leihen, bis zu 25 im Sachbuch-Segment. Ist dieses Kontingent ausgeschöpft, verbleiben zwei Exemplare mit serieller Lizenz im Bestand. Wir bieten momentan rund 20.000 Titel mit dieser Lizenzform an.

Verlage wie C.H. Beck oder der Kosmos-Verlag machen Bibliothekslizenzen deutlich teurer als Endnutzerlizenzen. Könnte sich dieses Modell durchsetzen?

Dass Verlage für die serielle Lizenz einen signifikant höheren Preis für die Bibliotheksnutzung verlangen, ist die absolute Ausnahme. Die Bibliotheken „bestrafen“ das durch extrem reduzierten Kauf, so dass sich dieses Modell kaum durchsetzen wird.

Wie ist der Stand der Verhandlungen mit den Verlagen der Holtzbrinck-Gruppe – darunter Fischer, Rowohlt und KiWi –, die sich bislang der Onleihe verweigern?

Wir sind in detaillierten Gesprächen. Allerdings kann ich zum gegenwärtigen Stand keine Auskunft geben, das bitte ich zu verstehen.

Eine gute Datenqualität sichern

Welche Fortschritte gibt es bezüglich der verstärkten Integration von fremdsprachigen Titeln?

Fremdsprachige Titel sind eine Herausforderung, insbesondere, was die Frage nach der Qualität der Metadaten betrifft. Wir müssen schließlich sicherstellen, dass die Inhalte nicht verhetzender, pornographischer oder sonstwie anstößiger Natur sind. Und welches Bibliothekssoftwaresystem kann chinesische oder kyrillische Zeichensätze verarbeiten? Wir versuchen, mit fremdsprachigem Personal der Anforderung nach guter Datenqualität gerecht zu werden. Derzeit arbeiten wir russische Titel ein. Die ausländischen Verleger haben aber häufig Angst vor Piraterie. Auch dort muss Überzeugungsarbeit geleistet werden. Unser Ziel ist es, bei der Onleihe den Bestand an relevanten fremdsprachigen Titeln systematisch zu erhöhen. Mit Englisch, Französisch und Spanisch tun wir uns leichter. Hier wird es kurzfristig signifikante Erweiterungen des Angebotes geben.

Wie sieht es mit Titeln aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache aus?

Auch hier versuchen wir permanent, das Angebot auszuweiten. Allerdings sind Schulbuchverlage derzeit noch extrem zurückhaltend bei der Lizenzvergabe.

Die Onleihe soll einen technischen Relaunch erfahren, was unter dem Schlagwort „Neue Onleihe“ firmiert. Wie ist der Stand?

Das ist das Großprojekt der kommenden 24 Monate. Wir müssen die Plattform für noch mehr Inhalte öffnen, angestrebt sind mindestens eine Million Titel. Wir müssen mehr fremdsprachigen Content einbinden, uns flexiblen Lizenzmodellen öffnen, auf die stark erhöhte Nutzung, was die Zahl der Downloads betrifft, sowie auf die verstärkte mobile Nutzung reagieren können. Dafür müssen hohe Stabilität und effiziente interne Abläufe gesichert sein. Und bei all dem dürfen wir die Nutzerfreundlichkeit nicht außer Acht lassen. Verbesserungsfähig ist sicher auch die Suchfunktion der Onleihe. Hier verlangt der Nutzer Google-Niveau.

Wird es erstmals auch die Möglichkeit geben, geliehene Titel vor Ablauf der Frist zurückzugeben?

Noch im bestehenden System wird es diesbezüglich Veränderungen geben. Für E-Books soll die frühzeitige Rückgabe im dritten oder vierten Quartal 2014 möglich werden. Allerdings sind uns durch die bestehenden Systeme des Digital Rights Management Grenzen gesetzt. Ein Download ohne DRM erlauben die Verlage nicht, diesen Rahmen muss man akzeptieren. Das betrifft natürlich auch die Verwaltung auf den Endgeräten, wie dem proprietären Amazon Kindle. Dass Amazon sich um die Belange der öffentlichen Bibliotheken kümmert und die Kindle-Welt öffnet, halte ich für eher unwahrscheinlich.

Reagieren die Verlage entsprechend zurückhaltender auf die Onleihe?

Im Gegenteil. Ich unterzeichne jede Woche neue Kooperationsverträge.
 

Die Onleihe des Goethe-Instituts

Egal ob in Ägypten oder Vietnam: Weltweit mehr als 60 Bibliotheken des Goethe-Instituts bieten ihren Nutzern die Onleihe an. Die Auswahl ist groß: Es gibt mehrere Tausend ausleihbare E-Medien, von Kinderbüchern über Jugendromane, aktuelle Belletristik, Sachbücher sowie Tages- und Wochenzeitungen bis hin zu Kochbüchern, Hörbüchern und Deutschlern-Materialien.