Wissenschaftskommunikation Dienstleistungen für die Wissenschaft 2.0

Erforschung neuer Arbeitsweisen
Erforschung neuer Arbeitsweisen | © The Lighthouse - Fotolia.com

Die Digitalisierung verändert die Kommunikation in Forschungs- und Publikationsprozessen stark. Wie wissenschaftliche Bibliotheken diese Entwicklung begleiten, erklärt Lambert Heller. Er leitet das Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek (TIB) in Hannover.

Herr Heller, was sind für Sie die wichtigsten Entwicklungen in der modernen Wissenschaftskommunikation?

Seit es das Internet gibt, teilen Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse online. Das hat nicht nur die Kommunikation der Wissenschaftler untereinander schneller und einfacher gemacht, sondern auch die Kommunikation mit dem Rest der Welt verändert. Die Information darüber, was Wissenschaftler tun, ist aus dem Kokon herausgekommen.

Zudem kann man beobachten, dass in den letzten fünf bis zehn Jahren die Grenzen zwischen dem, was Wissenschaftler und was interessierte Laien tun, verwischen. Die Association for Psychological Science fordert etwa ihre Mitglieder explizit dazu auf, an der Wikipedia mitzuschreiben. Und auch Wissenschaftsblogger, die zwar meist einen akademischen Hintergrund haben, aber nicht selbst forschen, sind dafür ein gutes Beispiel.

Aufbau einer neuen Infrastruktur

Wie sieht die Rolle der wissenschaftlichen Bibliotheken in diesem Umfeld aus?

Lambert Heller Lambert Heller | © Lambert Heller Wir sehen uns als Zentrale Fachbibliothek für Technik und Naturwissenschaften in der Rolle, die wissenschaftliche Infrastruktur mitzubauen und mitzuprägen. Auch deswegen haben wir zusammen mit den beiden anderen Zentralen Fachbibliotheken in Deutschland, also mit der ZB MED, der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin in Köln und der ZBW, der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften in Kiel, den Leibniz-Forschungsverbund Science 2.0 mitbegründet. Dort erforschen wir die neuen Arbeitsweisen, um unsere Dienste noch besser auf die Bedürfnisse von Wissenschaftlern zuzuschneiden.

Ihr Forschungsverbund hat mit einer großen Umfrage untersucht, wie die neuen Möglichkeiten genutzt werden.

Die Umfrage hat zum Beispiel gezeigt, dass 95 Prozent aller Wissenschaftler in einem beruflichen oder fachlichen Kontext die Wikipedia lesen. Und zwei Drittel nutzen Cloud-Speicherdienste wie Dropbox oder Google Drive. Wir befinden uns in einer frühen Phase der „Onlineifizierung“ der Wissenschaft. Die Wissenschaftler benutzen in pragmatischer Weise die Werkzeuge, die bereits da sind, die aber nicht speziell für Forschende entwickelt worden sind. Wir wollen gemeinsam mit den Wissenschaftlern herausfinden, wie wir diese Werkzeuge verbessern können.

Freier Zugang zu Forschungsdaten und -ergebnissen

Wie geschieht das konkret?

Ein großer Bereich sind die Open-Access-Infrastrukturen, die die Zentralen Fachbibliotheken – übrigens in enger Abstimmung miteinander – anbieten. Forschungsergebnisse schnell im Internet frei zugänglich zu machen, ist heute deutlich mehr, als nur sein Paper online zu stellen. In der Wissenschaft will man sehr genau recherchieren sowie unterschiedliche Quellen und deren Qualität auseinanderhalten können. Das erledigt sich nicht von selbst und wird auch nicht allein von kommerziellen Playern gewährleistet. Dazu braucht man die Nachhaltigkeit und Professionalität von wissenschaftlichen Bibliotheken.

Ein weiteres Beispiel ist das Projekt Radar, in dem ein Forschungsdatenrepositorium aufgebaut wird. Dort können die Rohdaten der Forschung – zum Teil sind das ungeheure Datenmengen – zitierfähig veröffentlicht werden.

Die Zentralbibliothek für Medizin hat mit EyeMoviePedia ein Open-Access-Portal für Operationsfilme im Bereich der Augenheilkunde entwickelt. Auch die Technische Informationsbibliothek hat vor kurzem mit ihrem AV-Portal eine Art Youtube für Wissenschaftler eröffnet.

Ja, hier können Videos hochgeladen werden, die dann über wissenschaftliche Rechercheportale auffindbar sind. Unser Portal kann aber eine ganze Menge mehr als Youtube. So wird etwa die gesprochene Sprache in den Filmen erkannt und kann durchsucht werden. Darüber hinaus können die Videos sekundengenau mit einem Digital Object Identifier (DOI) zitiert werden.

Werkzeuge zum gemeinsamen Schreiben

Unterscheiden sich die neuen Forschungs- und Publikationsprozesse in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen stark?

Absolut, in der Mathematik und Physik ist zum Beispiel die sogenannte Preprint-Kultur ganz stark ausgeprägt. Über die Open-Access-Plattform Arxiv.org werden Entwürfe von Artikeln elektronisch veröffentlicht – ganz unabhängig davon, ob sie später noch einmal in einer Zeitschrift erscheinen. Das ist in den Geisteswissenschaften heute noch nicht üblich.

Ein Arbeitsschwerpunkt liegt im Forschungsverbund Science 2.0 auf Werkzeugen, die die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern unterstützen.

Wir hier an der TIB haben zum Beispiel Experten aus verschiedenen Fächern eingeladen, zusammen ein Buch zu schreiben. Mit diesem Projekt wollten wir herauszufinden, welche Vorteile diese Methode hat und wie wir die dafür notwendigen Tools und Infrastrukturen verbessern können. Für unseren Book Sprint haben wir die Software MediaWiki, die für Wikipedia eingesetzt wird, modifiziert. Innerhalb von zwei Wochen ist dabei das Handbuch CoScience zum gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeiten und Publizieren im Internet entstanden. Noch in diesem Jahr wird es dazu eine Reihe von Videovorlesungen geben, die kollaborative Techniken vorstellen.

Unser Book Sprint ist übrigens auch in anderen Fächern gut angekommen. Gerade schreibt auf unserer Plattform ein Netzwerk von 60 Romanisten ein Handbuch über Renaissance und Mittelalter in der Romania – zwar nicht in zwei Wochen, aber in einem für geisteswissenschaftliche Verhältnisse enorm kurzen Zeitraum von nur einem Jahr.