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David Wagner
Läufst du noch oder flanierst du schon?

David Wagner ist ein Stadtwanderer, ein Flaneur. Er schreibt über das, was er auf seinen Spaziergängen, sieht, erlebt, wahrnimmt. Das können Großprojekte wie der neue Berliner Retroflughafen sein, aber auch ein in seinem Büro eingeschlafener Privatdetektiv.

Von Holger Moos

Wagner: Verlaufen in Berlin © Verbrecher Flaneure sind literarische Figuren, die relativ ziellos durch Städte spazieren und ihre Umwelt beobachten und reflektieren. Sie huldigen dem Kult der Entschleunigung und widersetzen sich dem Diktat der zielgerichteten Bewegung und dem Kult um eine möglichst schnelle Zielerreichung.
 
David Wagner ist ein solcher Flaneur. Seit etwa 30 Jahren lebt er in Berlin und liebt das Spazieren. Mit Verlaufen in Berlin hat er nach Welche Farbe hat Berlin (2011) und Mauer Park (2013) ein weiteres Berlin-Buch veröffentlicht, in dem er seine Beobachtungen und Erfahrungen literarisch verarbeitet.

Ja, wo läuft er denn?

Wagner läuft durch Berlin und schaut dem Leben zu, auch dem eigenen. Er sieht tote Vögel auf dem Retro-Flughafen, beobachtet Gutscheinverteiler*innen oder belauscht Handwerker, die sich über Panoramakabinen auf Kreuzfahrtschiffen unterhalten. Er besucht die Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, im Volksmund Schlange genannt, und den sog. Bierpinsel, einen futuristischen Turm mit Restaurant im Stadtteil Steglitz. Ins Schwelgen gerät er mehrfach, wenn er über den 2020 stillgelegten Flughafen Tegel schreibt, in dem man so wunderbar im Kreis laufen konnte.
 
Es sind oft melancholische, nostalgische Blicke in eine Gegenwart, die dem Flaneur die Vergangenheit und Vergänglichkeit aller Dinge in Erinnerung rufen. Der vertraute Kaiser's-Supermarkt wandelt sich in einen Edeka mit neuer Produktpalette. Doch auch dieser Edeka hatte keine Zukunft: 2020 wurde das Gebäude, eine der letzten ehemaligen Ostberliner Kaufhallen, abgerissen. An die Stelle des Palasts der Republik, einem architektonischen DDR-Relikt, tritt zunächst die temporäre Humboldt-Box, die aussieht wie „ein gegen austretende Strahlung gesichertes Atomkraftwerk“, bevor schließlich ein Nachbau des Berliner Stadtschlosses die sozialistische Vergangenheit endgültig be- und versiegelt.

Leichtfüßig und abwechslungsreich

Man erfährt außerdem, in welchen Kreisen David Wagner verkehrt. Der 2018 verstorbene Schriftsteller Michael Rutschky war einer von Wagners Spazierbegleiter*innen. Auf dem letzten Spaziergang mit Rutschky weist dieser Wagner auf einen Altbau hin, in dem ein Mann wohne, der oft herumbrülle. Meistens gehe es um Hunde oder Angela Merkel. Aber mit „resignativer Toleranz“ sei das auszuhalten.
 
Das Bohemehafte und Dekadente des Berliner Intellektuellenmilieus scheint in einem anderen Text durch. Wagner ist von Bekannten zum Housewarming in die prächtig renovierte Kreuzberger Altbauwohnung mit sog. Berliner Zimmer – das ist ein Raum, der das Vorderhaus mit dem Seitenflügel eines Gebäudes oder den Seitenflügel mit dem Hinterhaus verbindet – eingeladen. Wie häufig bei solchen Anlässen, wird viel über Wohnungen im Allgemeinen und die Luxusfragestellungen rund um besagte Berliner Zimmer im Besonderen gesprochen: „Irgendwie muss man muss man so einen Durchgangsraum ja nutzen… Hansi hat dort seinen Flügel stehen.“ Solche Probleme hätten andere Menschen gerne.
 
Wagner führt in seinem leichtfüßigen und abwechslungsreichen Berlin-Führer der etwas anderen Art sowohl durch die Geschichte(n) der Stadt als auch durch seine persönliche Vergangenheit. Das Kleine steht bei ihm immer gleichwertig neben dem Großen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank David Wagner: Verlaufen in Berlin
Berlin: Verbrecher, 2021. 219 S.
ISBN: 978-3-95732-495-5
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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