Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Gregor Sander
Der Osten im Westen

Nachdem die Westdeutschen seit mehr als 30 Jahren auf den Osten (herab)schauen, wird nun zurückgeguckt. In seinem neuen Buch sieht sich Gregor Sander Gelsenkirchen, die ärmste Stadt Deutschlands, ganz genau an.

Von Holger Moos

Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich schon länger mit dem Thema soziale Identität. Befasst man sich mit der deutschen Einheit, stößt man schnell auf die unterschiedlichen sozialen Identitäten von Ost- und Westdeutschen. So fragt der Soziologe Raj Kollmorgen auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung, ob es eine ostdeutsche Identität gibt und inwieweit diese die Vollendung der Vereinigung be- oder sogar verhindert. Mit der Wiedervereinigung wurden die Ostdeutschen mit ca. 17 Prozent Bevölkerungsanteil automatisch zu einer Minderheit. Dem folgte seither eine „diskursive Subalternisierung der Ostdeutschen“, was zu einer Selbstwahrnehmung als „Bürger zweiter Klasse“ führte. Für Kollmorgen ist die ostdeutsche Identität bereits heute „Teil der Debatten um (postmoderne) Identitätspolitiken, die um das Thema autonomer Selbstidentifikation marginalisierter Gruppen und deren gesellschaftlicher Anerkennung kreisen“. Die Ostdeutschen werden hier in eine Reihe gestellt mit „Menschen mit Migrationshintergrund, mit Behinderungen oder Angehörigen der LBGTQIA+-Gemeinschaft“. Diese Analyse gefällt sicher nicht jedem*r.

Sander: Lenin auf Schalke © Penguin Der in Schwerin geborene und in Berlin lebende Schriftsteller Gregor Sander hat sich nicht wissenschaftlich, dafür aber sehr unterhaltsam mit diesem Thema auseinandergesetzt. Sein Freund „Schlüppi“, dessen Spitzname auf eine mit einer Unterhose verbundene Anekdote aus seiner Zeit bei der Nationalen Volksarmee zurückgeht, hat ihn auf eine Mission in den Westen geschickt. Sander solle nach Gelsenkirchen reisen und darüber schreiben, denn dort sei der „Osten im Westen“, sprich: „Ärmste Stadt Deutschlands, höchste Arbeitslosigkeit, geringstes Pro-Kopf-Einkommen.“ Und warum? Es geht um Vergeltung. Die Ostdeutschen seien unterrepräsentiert, aber überbeschrieben: „Weil die aus dem Westen uns seit dreißig Jahren ununterbrochen beschreiben, filmen und betrachten… Jetzt wird es mal Zeit zurückzugucken. Und das machst du!“

Zonen-Gaby im Horrorfilm

Es geht also um die Rückeroberung der Diskurshoheit – wenn man unbedingt so will! Sander hat sich jedenfalls darauf eingelassen, das Ergebnis ist in Buchform erschienen und heißt Lenin auf Schalke.

Darin kommt der fiktionalisierte Ich-Erzähler Gregor Sander eines Tages in der Tristesse des Gelsenkirchener Hauptbahnhofs an. Alles wirkt „wie die Kulisse eines Horrorfilms“. Abgeholt wird er von Schlüppis sagenumwobener Cousine Gaby, die im November 1989 durch ein einziges Foto berühmt wurde, als Zonen-Gaby mit einer bananenähnlich geschälten Gurke auf dem Cover des Satiremagazins Titanic.

Zunächst erkundet Sander die ihm fremde Stadt mit Gaby und deren Freund Ömer. Der „bergbauinfizierte“ Ömer führt Sander zu den gängigen Relikten der Industriekultur und erzählt von seinem Vater, der mit 17 aus der Türkei kam und bei der Ankunft in Deutschland von Ärzten untersucht wurde, die „vermutlich schon Dienst an der KZ-Rampe getan“ haben. Manches weist Parallelen zum Osten auf. Der Gelsenkirchener Justizpalast „sieht auch aus wie der Präsidentenpalast in einer ehemaligen Sowjetrepublik“. Die Behausungen für die Bergmannsfamilien erinnern an die „Arbeiterintensivhaltung“ in der DDR, auch „Arbeiterschließfächer“ genannt.

Reportage, Persiflage und Reiseführer

Sander schreibt über Trinkhallen, im Volksmund Büdchen genannt, er besucht ein „Fußballfeld des Todes“ und er lernt, dass Gelsenkirchen eine Stadt ist, in der Frauen ihre Dackel nach ihren verstorbenen Männern benennen („Der hat auch nicht mehr geredet als der Hund“). Als ein Angestellter vom Stadtmarketing versucht, ihm die Highlights Gelsenkirchens zu zeigen, gesteht er dem Erzähler, dass ihm seine Arbeit bisweilen wie ein „Kampf gegen Windmühlen“ vorkomme. Am Ende stehen die beiden vor dem Haus von Klaus Fischer, dem legendären, für seine Fallrückzieher bekannten Schalker Stürmer, der im Viertel regelmäßig seinen entlaufenen Cockerspaniel gesucht hatte.

Es gibt auch ein Gespräch mit einer AfD-Politikerin, deren Partei in den letzten Jahren sowohl bei den Landtags- als auch bei den Bundestagswahlen in Gelsenkirchen zweistellige Ergebnisse holte, was im Westen ein Erfolg, im Osten dagegen eine Schlappe sei. Da gerät der Erzähler einmal mehr ins Grübeln: „Bin ich eigentlich sauer darüber, dass der Westen immer nur der Osten sein will, wenn es um Arbeitslosigkeit und Nazis geht?“

Lenin auf Schalke ist reportagehaft geschrieben, auch eine Persiflage auf die mitleidigen und dünkelhaften Blicke des Westens auf den Osten. Es hat ebenfalls Elemente eines Reiseführers. In jedem Fall ist es ein Buch, das alle lesen sollten, die Gelsenkirchen kennenlernen möchten. Insbesondere wegen seiner Bewohner*innen ist ein Besuch jede Mühe wert. Denn: „Die Leute haben es verdient, dass man sie sich ankuckt“, so Sander in einem Radio Eins-Interview.

Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Gregor Sander: Lenin auf Schalke
München: Penguin, 2022. 192 S.
ISBN: 978-3-328-60187-6

Top