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Fatma Aydemir
„Ein Gebilde aus Geschichten und Geschichten und Geschichten“

Wie wir wissen, ist jede unglückliche Familie dieses auf ihre eigene Art. Fatma Aydemir erzählt in ihrem zweiten Roman über eine Familie, die voller Sehnsüchte und Enttäuschungen und trotz aller inneren Widersprüche versucht, zueinander zu finden.

Von Antonie Habermas

Aydemir: Dschinns © Hanser „Was ist ein Dschinn?“, fragt der fünfzehnjährige Ümit seine große Schwester Peri. Es ist Nacht und sie sitzen in der Istanbuler Wohnung, die ihr Vater Hüseyin für seine Zeit im Ruhestand gekauft hat. Doch als er voller Vorfreude aus Deutschland nach Istanbul fährt, um sie zu beziehen, stirbt Hüseyin noch am selben Tag an den Folgen eines Herzinfarkts mitten im Wohnungsflur. Ein Dschinn, erklärt Peri, ist etwas Unerklärliches, etwas, das Menschen komisch und unnatürlich finden, das weder gut noch böse sein muss. Wahrscheinlich, denkt sie, hat jede*r einen eigenen Dschinn – ist davon besessen. Alle in Peris Familie sind von etwas besessen. Von einer totgeschwiegenen Vergangenheit, einem Streben nach Unabhängigkeit, den unerfüllten Erwartungen der Eltern, einem Land und einer Gesellschaft, die sie verfolgen, nicht akzeptieren, ja sogar verbrennen will.

Wer sind wir?

Fatma Aydemirs neuer Roman Dschinns spielt Ende der 1990er-Jahre u.a. in einer westdeutschen Kleinstadt und erzählt die Geschichte der Geschwister Sevda, Hakan, Peri und Ümit sowie ihrer Eltern Emine und Hüseyin. Die Protagonist*innen sind grundverschieden und trotzdem verbinden sie die gemeinsamen Enttäuschungen, Sehnsüchte, Erwartungen und Lügen, die innerhalb der Familie weitergegeben werden und sie gleichzeitig beleben und zermürben. Hüseyin ist tot und dennoch schlägt die Figur des Familienvaters große Schatten in die Erzählungen seiner Kinder und Frau. Wer war dieser Mann, der Anfang der 1970er aus einem kurdischen Dorf nach Deutschland kam und dort sein Leben lang tagein tagaus in einer Metallfabrik geschuftet hat? Warum hat er nicht mehr getan, warum hat er sich so versteckt, fragt sich sein Sohn. Warum hat er nie mehr erzählt von seiner Zeit vor Deutschland, was ist damals passiert, fragt sich seine Tochter. Wovor hatte er Angst? Und warum hat er nie mehr in seiner Muttersprache gesprochen?

Emotionales Gepäck

Die Familie reist zur Beerdigung Hüseyins nach Istanbul. Sie alle kommen mit ihrem eigenen inneren Gepäck. Der Jüngste, Ümit, darf nicht den lieben, den er will. Er wird daraufhin von seinem Fußballtrainer zu einem unangenehmen Psychologen geschleppt, welcher ihn mit fragwürdigen Mitteln zu therapieren versucht, ohne dass seine Familie davon etwas mitbekommt. Peri, die sich in ihrem Studium politisiert, auf Partys feiert und in der Großstadt wohnt, trägt immer mehr Fragen nach ihrer Identität mit sich herum, die ihr die Eltern nicht beantworten können oder wollen. Hakan, der so vieles richtig machen will und dabei alles falsch macht, ist zerrissen von den Erwartungen seines Vaters an ihn und den begrenzten Möglichkeiten, die ihm sein Leben bietet. Sevda, die hart dafür kämpfen musste, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und die ihrer Mutter vieles nicht verzeiht, fühlt sich immer noch verfolgt von den verpassten Chancen und den Ungerechtigkeiten, die sie erfahren musste . Und Emine, die als Mutter versucht, alle beisammenzuhalten, weil sie so früh etwas verloren hat, das sie sich bis heute nicht verzeihen kann.

Vielstimmigkeit und Ambivalenz

Jede Figur entfaltet sich in ihrer Komplexität in einem der fünf Kapitel. Durch diese Vielstimmigkeit und die Dialogizität der Erzählung werden die Konflikte zwischen ihnen ambivalent. Sie bekommen Tiefe und zeigen auf, wie Probleme von einer Generation in die Nächste getragen werden, wie die Wut und Enttäuschung der einen im Schmerz der anderen begründet sind. Diese Konflikte und die Suche aller nach Anerkennung und Halt in einem Land, das ihnen immer wieder aufzeigt, wie unerwünscht sie sind, hat etwas immens Menschliches. Es sind Stimmen und Figuren, die in der sich zwar langsam diversifizierenden deutschsprachigen Literatur immer noch viel zu wenig Repräsentation erfahren und einen wichtigen Diskursraum öffnen.

„Vielleicht ist Familie ja nichts anderes als das, ein Gebilde aus Geschichten und Geschichten und Geschichten“, schreibt Aydemir. Auch dieser Roman ist ein Gebilde aus Geschichten – sie sind fein aufeinander abgestimmt.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Fatma Aydemir: Dschinns. Roman
München: Hanser, 2022. 368 S.
ISBN: 978-3-446-26914-9

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