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Sybille Ruge
Szenen aus dem Spätkapitalismus

Die Hauptfigur in Sybille Ruges erstem Roman ist eine ganz und gar nicht zimperliche Ermittlerin mit eigenem Inkassobüro. Überleben: kein Problem. Fragt sich nur wie.

Von Swantje Schütz

Ruge: Davenport 160 x 90 © Suhrkamp Sonja Slanski ist tough. Sie betreibt eine Inkassofirma mit gefälschtem Diplom an der Wand. Ganz nach dem Motto „Skrupel sind was für Anfänger” lebt und arbeitet sie in der Finanzmetropole Frankfurt am Main. Auf der Beerdigung ihres leiblichen Vaters, den sie nie kennengelernt hat, trägt sie Tanktop, Jogginghose und High Heels in schwarz – alles „sorgsam gewählt”, wie sie die Lesenden wissen lässt. Schnell ist klar: Normal ist in Sybille Ruges Roman Davenport 160 x 90 gar nichts, vor allem nicht die Privatermittlerin mit den etwas anderen Methoden und Ansichten, mehr und mehr Narben sowie dem Hang zum Wodka und der einen oder anderen Pille. Dank ihres reichen russischen Ziehvaters verfügt sie über genügend finanzielle Mittel, besitzt ein Loft und gibt großzügig Trinkgelder, wo sie gebraucht werden. Selbstbewusst und mit einer großen Klappe – so verteilt sie Kapitalismuskritik:

“Rechtsanwalt Hoffer legte mit zackigem Zugriff beim Aufnehmen seines Montblanc sein Handgelenk frei. Die darauf sichtbare Uhr hatte die Größe einer Cremedose für Babypopos. Ich tippte bei ihm definitiv auf Bluthochdruck. Wahrscheinlich konservativer Familienvater mit unterdrückten Trieben und liberalen Ideen. Brot für die Dritte Welt, aber das Tafelsilber bleibt zu Hause.”

Neben vielen Problemen – Slanski erwähnt eine „verpatzte Kindheit” – trägt sie auch noch ein Bindungsproblem mit sich herum, aber immerhin reicht es zu einem verheirateten Liebhaber. All das geschrieben aus der Sicht der Hauptfigur macht Spaß, fordert heraus. Das Tempo der Gedanken und Geschehnisse ist meist rasend schnell, die Sprache nicht immer leicht. Manchmal wirkt alles etwas aufgesetzt, gewollt, es schadet dem Lesevergnügen aber nicht.

Rasanter Plot

Der Fall selbst steht gar nicht im Vordergrund, vielmehr ist es die Herangehensweise der Privatermittlerin, die der Geschichte ihre Bedeutung gibt. Es soll nicht zu viel verraten werden, nur so viel: Es gibt eine Tote (oder sollte Slanski selbst das Opfer des Mörders sein?), tatsächlich auch einen Täter und einen sexy Kommissar, zu dem sich die Privatermittlerin hingezogen fühlt. Den würde man ihr durchaus wünschen, nur leider steht sie sich selbst im Weg. Extreme Kunst in Richtung Pornografie und Avantgarde, Drogen, und eine kriminelle Anwaltskanzlei – das und noch viel mehr erwartet einen in Davenport 160 x 90.

Das Buch ist in vielerlei Hinsicht spannend, aber um einen klassischen Krimi handelt es sich nicht. Sybille Ruges erster Roman ist rasante, zeitgenössische Literatur. Die Autorin war Schauspielerin, ist Lyrikerin, Kostümbildnerin und Stoffdesignerin, arbeitet in Frankfurt und lebt in der Schweiz. Laut Klappentext liebt sie Raumfahrt, Soziologie und die Texte von Heiner Mueller. Eine extravagante Mischung, aus der etwas Lesenswertes herausgekommen ist!
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Sybille Ruge: Davenport 160 x 90. Roman
Berlin: Suhrkamp, 2022. S.
ISBN: 978-3-518-47243-9
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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