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Peter Laudenbach / Alexander Kluge
Fluchttier mit Fantasie

In diesem Jahr wurde Alexander Kluge 90 Jahre alt. Passend dazu ist ein Interviewband erschienen, der einen lesenswerten Zugang zur reichen Gedankenwelt dieses ebenso klugen wie produktiven Autors und Filmemachers bietet.

Von Holger Moos

Laudenbach / Kluge: Zum Himmel, zur Hölle, zum Mehrwert. Interviews 2021 – 2001 © starfruit In unglaublicher Taktzahl hat Alexander Kluge seit den 1960er- Jahren Filme gemacht, TV-Sendungen produziert und Bücher geschrieben. In einem Tagesspiegel-Interview anlässlich seines 80. Geburtstags sagte er: „Ich stilisiere diesen Geburtstag ja nicht. Ich bin ein arbeitender Mensch.“ Damit hat er in bescheiden-freundlicher Manier sein Lebensprinzip zusammengefasst. Die Arbeit hat wohl immer Vorrang. Anders ist seine Produktivität auch nicht zu erklären.

Der Journalist und Theaterkritiker Peter Laudenbach hat einige Interviews mit Kluge geführt, in Zum Himmel, zur Hölle, zum Mehrwert hat er neun dieser Interviews aus den Jahren 2003 bis 2021 sowie ein Gespräch von Alexander Kluge mit Christoph Schlingensief aus dem Jahr 2001 herausgegeben.

Der Band zeigt ein wichtiges Prinzip in Kluges Denken: die Verknüpfung verschiedener Zeitebenen. Das Gegenwärtige kann ohne Vergangenes nicht verstanden werden, auch der Blick in die Zukunft allein aus der Position des Heutigen heraus ist kurzsichtig.

Auswege liegen immer 20 Jahre vor einem Krieg

Für Kluge ist der Mensch evolutionär ein „Fluchttier“, das Gefahren im Voraus erkennen muss. Dazu benötigt er Einbildungskraft und Fantasie. Beides fehle dem modernen Menschen oft. Kluge macht seine Gedanken gerne durch Anekdoten anschaulich, so auch hier. Er erzählt von einer sächsischen Lehrerin, die 1945 mit ihren Kindern im Luftschutzkeller sitzt und betet. Doch 1929, als die NSDAP bei den Landtagswahlen in Sachsen noch weniger als 5 Prozent der Stimmen gewonnen hatte, wäre sie in der Lage gewesen, Hitler zu verhindern. Damals fehlte ihr „nicht Entschlossenheit, sondern Einbildungskraft. Sie kann sich den Krieg nicht vorstellen, deshalb findet er statt.“ Die Einbildungskraft muss für Kluge auch rückblickend wirksam sein, wenn er etwa Ernst Jünger zitiert: „Aber wer die Massaker nicht erinnert, pflegt sie.“

In einem anderen Tagesspiegel-Interview aus dem Jahr 2014 klingen Kluges Aussagen sehr gegenwärtig: „Heute schlage ich eine Zeitung auf und lese erneut von der Krim und der Ukraine. Das sind die gleichen Ortsnamen wie 1941. Das ist eine Gesamtrealität, die unterirdisch miteinander verbunden ist.“ Sich selbst bezeichnet Kluge als „schutzgeimpft gegen Kriegsbegeisterung“. Krieg sei eine Chimäre, man erkenne seine Gestalt nicht immer auf den ersten Blick und wiege sich in falscher Sicherheit. Doch auch er habe sich – 2014 wohlgemerkt – nicht vorstellen gekonnt, „dass wir in Europa in einer Situation wie jetzt in der Ukraine landen“. Hier fehlte laut Kluge wieder Einbildungskraft, denn: „Die Auswege liegen immer 20 Jahre vor einem Krieg.“

Kluge unternimmt daher immer „historische Tiefenbohrungen“, wie Laudenbach dessen Arbeitsweise im Nachwort nennt, um die unter der Tagesaktualität liegenden Schichten freizulegen, um „diese wirkliche Realität gegenüber dem aktuellen Wochenprogramm der Nachrichten zu verteidigen“. Illustriert wird der Band passenderweise mit Darstellungen von Elefanten, die aus Kluges Archiv stammen. Der Elefant wäre ein passendes Wappentier für Kluge, aufgrund seines guten Gedächtnisses, seiner Begabung zur Kollaboration, aber auch seines Eigensinns.

Ohne Irritationen ist man eigentlich schon tot

Das Besondere an Kluge sind nicht nur seine Intelligenz und seine unglaubliche Fähigkeit, gedankliche Verbindungen zwischen scheinbar Disparatem herzustellen, sondern auch die Tatsache, dass er weder zum Besserwisserischen noch zum Understatement neigt. Ihn treibt allein die Neugier, er liebt „Gärten des Wissens“, als die er in einem Gespräch Universitäten wie die von Stanford und Harvard bezeichnet. Auch Irritationen, als Verunsicherungen verstanden, betrachtet er als lebenswichtig: „Wenn man sich nicht mehr irritieren lässt, ist man eigentlich schon tot.“

Kluge vermittelt eine große Milde gegenüber den Unzulänglichkeiten des Menschseins. So sei er „weder ein Pessimist noch ein Optimist, sondern ein möglichst exakter Beobachter und gleichzeitig auch ein intensiv Wünschender“. Der Mensch habe komplizierte Gefühle und sei ein Illusionist, der Realitäten zwar wahrnehmen könne, aber noch lange kein Realist sei. Und die Wünsche, die aus dem Gefühl, es werde schon gutgehen, entstehen, nimmt Kluge genau so ernst wie die Realitäten, die womöglich gegen einen glücklichen Ausgang sprechen.

Wie Kluges eigene Bücher ist auch dieser Interviewband ein Gedankensteinbruch, mit dem Unterschied, dass die Gespräche einen leichteren, weil komprimierten Zugang zum Kluge-Universum bieten. Die komprimierte Form entlässt einen klüger und positiver gestimmt, denn man fühlt sich – zumindest unmittelbar nach Lektüre – gedanklich etwas besser gewappnet gegen die oftmals niederdrückende Überforderung durch Geschichte und Gegenwart. Sieh' genau hin und wünsch' dir trotzdem was, könnte die Lektion dieser Interviews sein.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Peter Laudenbach / Alexander Kluge: Zum Himmel, zur Hölle, zum Mehrwert. Interviews 2021 – 2001 und ein Gespräch von Alexander Kluge mit Christoph Schlingensief
Fürth: starfruit publications, 2022. 152 S.
ISBN: 978-3-922895-50-3

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