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Charles Lewinsky
Verlorener Sohn

In seinem neuen Roman erzählt der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky die packende und tragische Lebensgeschichte eines Waisenknaben, der glaubt, er sei der Sohn des französischen Königs.

Von Holger Moos

Lewinsky: Sein Sohn © Diogenes Im ersten Kapitel von Charles Lewinskys Buch Sein Sohn vertreiben sich zwei Totengräber auf einem Armenfriedhof ihre Zeit, indem sie sich für jede Leiche eine Lebensgeschichte ausdenken. Man schreibt das Jahr 1832, die Cholera wütet in Europa. Eine gute Zeit für Totengräber: „Sechs Leichen“, sagt der alte Totengräber: „Das war ein guter Tag.“

Im nächsten Kapitel führt der Mailänder Professor Moscati seinen Studenten eine Entbindung vor. Es ist eine schwierige Geburt. Die Frau schreit vor Schmerz, Moscati gibt den Rat: „Ein Arzt darf sich nicht ablenken lassen“. Ruhig stellt er noch ein paar Fragen, bevor er das Kind eigenhändig zur Welt bringt. Es lebt, die Studenten applaudieren, der Professor verneigt sich „wie ein Schauspieler“.

Das Kind, sein Name ist Louis Chabos, landet in einem Mailänder Waisenhaus, das von einer strengen Oberin geleitet wird. Gemein sind auch die anderen Kinder, die Größten und Stärksten drangsalieren die Kleinen und Schwachen.

Ein grausames Schicksal

Lewinsky hat sich für seine Hauptfigur ein wendungsreiches, aber grausames Schicksal ausgedacht, das ihn quer durch Europa und bis in die Weiten Russlands bringt. Den Protagonisten treibt eine unstillbare Sehnsucht und das Verlangen, der eigenen Herkunft und Identität auf den Grund zu gehen.

Mit 12 Jahren wird Louis von der Oberin in die Obhut eines alten Marchese gegeben, auf dessen Erbe sie erpicht ist. Ein alter Mann, der einen Knaben zu seinen Diensten haben möchte – da schwant einem Böses. Doch der Marcheses entpuppt sich weder als pädophil noch als sadistisch. Stattdessen wird er zum strengen Lehrmeister des unwissenden Jungen. Auf die Frage, was er gut könne, antwortet Louis: „Nichts“. „Das ist schon mal nützlich… Auf ein leeres Blatt lässt sich gut schreiben“, so die Replik des Alten. Louis saugt das Wissen und die Lebensweisheiten, die ihm der Marchese vermittelt, auf. Auch sein Selbstbewusstsein wächst. Nie mehr will er Opfer sein.

Als der Marchese stirbt und Louis zurück ins Waisenhaus muss, bleibt er dort nicht lange. Er flieht. Doch die Zeiten sind hart, es gibt für jemanden wie ihn nicht viele Perspektiven. Also heuert er in der Napoleonischen Armee an und nimmt 1812 am katastrophal endenden Russlandfeldzug teil. Mit einer zerschundenen rechten Hand kehrt er zurück. Er ist lebensmüde, will sich umbringen. Doch der Apotheker, bei dem er sich das Gift besorgen möchte, weckt in Louis den Wunsch, doch noch herauszufinden, wer seine Eltern sind.

Großer Erfinder, sehr guter Erzähler

Diese Suche führt ihn in die Schweiz, nach Reichenau in Graubünden. Seine Mutter, erfährt er, sei dort Köchin gewesen und heiße Marianne Banzori. Und Chabos habe einer der Lehrer vor Ort geheißen. So lernt Louis den ehemalige Schulleiter Aloys Jost kennen, der weiß, wo dessen Mutter ist, allerdings von einem Besuch abrät. Auch wer der Vater sei, wisse er, doch er habe geschworen, den Namen nicht preiszugeben.

Jost, der mittlerweile Weinhändler ist, entwickelt sich zu einem zweiten Wohltäter für den Waisen. Louis lässt sich nieder, wird ein angesehener Bürger der Gemeinde, gründet eine Familie. Er scheint doch noch sein Lebensglück gefunden zu haben, aber sein Geheimnis lässt ihm keine Ruhe. Er setzt seine Existenz aufs Spiel und reist nach Paris, nachdem er erfährt, dass der seit 1830 amtierende „Bürgerkönig“ Louis-Philippe I. auf seiner Flucht während der Revolutionswirren als Französischlehrer in Reichenau unter dem Namen Chabos tätig war. Und er, Louis Chabos, ist sich sicher: Er ist ein Königssohn – genau, wie er es bereits als Kind im Waisenhaus erträumt hat.

„Von dem Sohn, den der Herzog von Orléans mit der Köchin Marianne Banzori zeugte, ist nur bekannt, dass er im Dezember 1794 zur Welt kam und in einem Waisenhaus in Mailand abgegeben wurde. Alles andere ist Erfindung“, heißt der lapidare Hinweis auf den historischen Hintergrund am Ende des Buchs. Lewinsky hat mit diesem Roman einmal mehr bewiesen, dass er sowohl ein großer Erfinder als auch ein sehr guter Erzähler ist.

 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Charles Lewinsky: Sein Sohn. Roman.
Zürich: Diogenes-Verlag, 2022. 368 S.
ISBN: 978-3-257-07210-5
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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