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Yael Inokai
Die Wut aus dem Gehirn schneiden

Meret, passionierte Krankenschwester, assistiert bei Operationen an nicht gesellschaftskonformen Frauen. Erst ihre Liebe zu Sarah lässt sie an den fatalen Methoden zweifeln. Yael Inokai erzählt poetisch über medizinische Menschenversuche.

Von Marit Borcherding

Inokai: Ein simpler Eingriff © Hanser Berlin Ein simpler Eingriff heißt der dritte Roman der aus Basel gebürtigen und in Berlin lebenden Autorin Yael Inokai. Das Cover – Nurse at a window, einnehmend zart in Öl gemalt von Helena Parada Kim – verweist darauf, wo dieser Eingriff stattfindet: in einem Krankenhaus – allerdings in einem, das psychochirurgische Operationen durchführt.

Nach und nach zeigt die Lektüre des nur etwa 190 Seiten schmalen Werks, dass das Adjektiv „simpel“, bezogen auf den in der beschriebenen Anstalt vorgenommenen Eingriff, doch sehr euphemistisch ist. Hier werden Frauen via unumkehrbarer Operation versehrt und passend gemacht; Frauen, die durch unkontrollierbare Wutausbrüche eine Last für ihr Umfeld geworden sind. Daran ist naturgemäß nichts simpel – weder der Akt an sich, noch die Folgewirkung für die Betroffene.

Autoritätsgläubig

Meret, die junge Protagonistin, will jedoch zunächst nicht wahrhaben, woran sie sich tagtäglich während ihres Dienstes beteiligt – Überzeugung, Glaube und Hoffnung auf eine neue Zukunft für die Patientinnen hatten sie angetrieben, so erzählt sie auf der ersten Seite im Rückblick auf die nun folgenden Geschehnisse. Dass ihre Autoritätsgläubigkeit und ihr Wille, sich starken Strukturen unterzuordnen, auf ihre Kindheit mit einem gewalttätigen Vater zurückzuführen sind – diese Lesart legt der Roman, der nie brachiale, sondern behutsame, mitfühlende und verhaltene Töne anschlägt, auf jeden Fall nahe.

Was das Buch zudem bestenfalls andeutet, sind Ort und Zeit. Ein Schwesternwohnheim am Stadtrand, ein Krankenhaus in Fahrradentfernung: So viel und ein wenig mehr wird verraten, aber nicht in welcher Stadt genau, in welchem Land und zu welcher Zeit sich die konzentriert und eben ablenkungsfrei dargebotene Geschichte von Marianne, Sarah und Meret abspielt. Mit diesen drei Frauennamen sind die einzelnen Kapitel des Buches überschrieben – und Meret selbst erzählt, wie die Begegnung mit den beiden anderen Frauen ihr zur Befreiung aus einem beklemmenden, restriktiven System verhilft.

Unfall mit Folgen

Zuerst ist da Marianne, Tochter aus wohlhabendem, gut situiertem Haus, weshalb ihr im Krankenhaus eine Vorzugsbehandlung gewährt wird. Ihr Vater, Geschäftsmann und Patriarch, hat etwas gegen ihre „Episoden“: „Da war eine Wut in ihr, die konnte so groß werden, dass sie detonierte und alles um sie herum mit wüsten Worten, Schreien und Handgreiflichkeiten zurichtete.“ Der Arzt, den Meret unterstützt, indem sie die Patientinnen ablenkt und beruhigt, will Marianne etwaige Bedenken nehmen – und benennt gleichzeitig die gesellschaftliche Erwartung an diesen Eingriff: „Da ist etwas in Ihnen drin, und ich werde es zum Schlafen bringen. Es wird sie nicht mehr belästigen. Es schläft dann für immer. So einfach ist das.“ So einfach ist das in dem Fall aber doch nicht, die Operation geht anders aus als erhofft, Marianne kommt nicht wieder zu sich, und damit keiner etwas merkt, ist sie später auf Familienfotos gar nicht mehr zu sehen. So geht Auslöschung. Der Doktor bedauert, aber: „Die Rückschläge werden sich am Ende auszahlen; sie sind der logische Preis des Fortschritts.“ Doch für Meret, die sich Marianne von Anfang an sehr verbunden gefühlt hat, ist ein Point of no return erreicht: „Aber als ich die Worte … leise zu mir selbst sagte, in diesem Zimmer mit Marianne führten sie geradewegs zurück an den Abgrund. Ich verstummte.“

Aufbegehren und Aufbruch

Dass aus Meret, die verstummt, schließlich Meret, die sich widersetzt, wird, liegt vordringlich in ihrer Liebe zu Sarah begründet – diese ist ebenfalls Krankenschwester in der Einrichtung und zuerst lediglich Zimmergefährtin von Meret. Im Laufe des zweiten Kapitels wird aus Sarah und Meret ein Liebespaar, Yael Inokai schildert die Annäherung und das Sich-Finden berührend-intensiv. Es ist Sarah, die mit ihrer Weigerung, einfach alles hinzunehmen und mit ihren kritischen Fragen und Anmerkungen Meret schließlich dazu bringt, ihre Folgsamkeit und ihre Angepasstheit in Frage zu stellen. Sie benennt ihre Mittäterinnenschaft und auch die Gefahr, in der sie beide in der Logik dieses Systems schweben: „Würden sie das nicht auch über uns beide sagen? Dass das eine psychische Störung ist?“ Und in der Tat hatte der Doktor gegenüber Meret schon angedeutet, dass man über sie und Sarah Bescheid wisse – und dass man etwas gegen „Neigungen, die nicht in einen Menschen gehören“, tun könne.

Zweifel, zunehmende Distanz, Selbsterkenntnis und die Sicherheit, die ihr die Liebe zu Sarah gibt, setzen sich schließlich bei Meret durch, es gelingt ein Ausbruch der beiden Frauen und wundersamerweise kommt auch Marianne wieder ins Spiel. Doch noch eine Art von Happy End für Yael Inokais „leise Dystopie“, so Gregor Dotzauer über den Roman in seiner Laudatio auf die Autorin anlässlich der Verleihung des Anna-Seghers-Preises im Juni 2022 an sie. Diese beeindruckende poetische Studie einer zwar leisen, aber unumkehrbaren Emanzipation, gestützt auf Solidarität, Liebe und Empathie schaffte es auf die Longlist zum deutschen Buchpreis 2022. Dem Roman sind Erfolge darüber hinaus zu wünschen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Yael Inokai: Ein simpler Eingriff
München: Hanser Berlin, 2022. 192 S.
ISBN: 978-3-446-27231-6
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe (auch als Hörbuch)

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