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Kundengesteuerte Erwerbung
Nutzer als Bibliothekenbauer

Annette Klein
Annette Klein | Foto (Ausschnitt): © privat

Wie andere wissenschaftliche Bibliotheken testet die Universitätsbibliothek Mannheim seit 2010 eine Form der Erwerbung, bei der dem Nutzer eine entscheidende Rolle zukommt. Dr. Annette Klein, Leiterin der Abteilung Medienbearbeitung, erläutert die Chancen der „Patron Driven Acquisition“ (PDA).

Frau Klein, was ist eigentlich Patron Driven Acquisition, also kundengesteuerte Erwerbung?

Darunter versteht man Modelle, in denen Bibliotheken ihren Nutzern Medien zur Verfügung stellen, die nicht vorab von der Bibliothek erworben wurden, sondern deren Kauf erst durch die tatsächliche Nutzung nach bestimmten Kriterien ausgelöst wird. Derzeit wird Patron Driven Acquisition meist mit E-Books betrieben. Es gibt jedoch auch entsprechende Modelle für gedruckte Bücher.

Intensive Nutzung entscheidet

Wie funktioniert der Erwerbsvorgang durch den Nutzer genau?

Das ist je nach Anbieter unterschiedlich. Bei den derzeit üblichen PDA-Modellen kann die Bibliothek aus dem Gesamtbestand der verfügbaren E-Books mithilfe eines Erwerbungsprofils einen relevanten Teilbestand auswählen. Die gewünschten Titel werden für die Nutzer der Bibliothek auf der Aggregator-Plattform zugreifbar gemacht, und die Titeldaten werden in den Online-Katalog der Bibliothek eingebunden.

Findet ein Nutzer nun ein PDA-E-Book im Katalog, so sieht es für ihn aus wie ein ganz normales E-Book im Bestand der Bibliothek. Über den in den Titeldaten enthaltenen Link gelangt er auf die Anbieter-Plattform und sieht dort zunächst eine freie Voransicht des noch nicht erworbenen Titels.

Ein kostenpflichtiger Vollzugriff wird erst durch eine intensivere Nutzung ausgelöst, die je nach Plattform unterschiedlich definiert ist: zum Beispiel durch die mehrfache Nutzung des gleichen Titels, durch einen Zugriff über eine bestimmte Zeitgrenze hinaus oder durch Kopieren, Drucken und Download.

Temporärer Ankauf

Und dann kauft die Bibliothek den Titel automatisch?

Die Bibliothek kann bestimmen, ob der Titel schon bei der ersten intensiveren Nutzung dauerhaft gekauft werden soll oder ob der Zugriff zunächst in Form einer zeitlich begrenzten persönlichen Leihe gewährt wird.

Es gibt auch andere PDA-Modelle, die aber derzeit noch in Entwicklung begriffen sind. Hier kann die Bibliothek ihren Nutzern für einen Pauschalpreis über einen längeren Zeitraum – zum Beispiel ein Jahr – freien Zugriff auf ausgewählte Pakete bieten. Nach Ablauf dieser Zeit hat sie die Möglichkeit, auf der Grundlage von Nutzungsstatistiken zu entscheiden, welche Titel aus dem Angebot dauerhaft in ihren Bestand übernommen werden sollen.

Klare Kriterien gesucht

Welche Anforderungen sollten PDA-Modelle erfüllen?

Unbedingt sollten Neuerscheinungen ohne zeitliche Verzögerung für PDA zur Verfügung stehen. Das ist momentan leider häufig nicht der Fall. Das ist ein großer Nachteil, der von den Anbietern dringend behoben werden müsste.

Eine weitere Anforderung sind faire Bedingungen für die Kriterien, die einen Kauf auslösen. Sie sollten so gestaltet sein, dass die Bibliotheken möglichst keine Bücher erwerben müssen, die nur angeschaut wurden um zu ermitteln, ob sie für eine bestimmte Fragestellung überhaupt relevant sind. Ob die derzeit geltenden Bedingungen dazu geeignet sind, wird man noch prüfen müssen.

Außerdem wünschen sich Bibliotheken und ihre Nutzer einen weitgehenden Verzicht auf Nutzungseinschränkungen durch digitale Rechteverwaltung. Besonders kritisiert wird vonseiten der Nutzer die Einschränkung der Nutzbarkeit von Downloads, die derzeit meist nach einer bestimmten Zeit „verfallen“ und dann nicht mehr aufgerufen werden können.

Aufbau der idealen Sammlung?

Verliert der Fachreferent in der Bibliothek mit PDA seine Existenzberechtigung?

Das sehe ich nicht so. Es ist doch auch für einen Fachreferenten eine reizvolle neue Option, zumindest virtuell eine annähernd ideale Sammlung aufbauen zu können. Man muss ja keineswegs jedes beliebige Buch zum Kauf freigeben: Wenn man will, kann man die PDA-Profile sehr differenziert anlegen und für jeden einzelnen Titel entscheiden, ob er für die Nutzer verfügbar gemacht wird oder nicht.

Natürlich ist aber auch ein sehr großzügiger Ansatz möglich, bei dem nur grob vorselektiert wird. Welche Option sinnvoll und gewünscht ist, muss jede Bibliothek für sich entscheiden. Man hat aber in jedem Fall mehr Spielräume und kann deshalb berechtigte Forschungsinteressen in vielen Bereichen besser unterstützen.

Keine Käuferflut

Wie hoch sind die Risiken für das Bibliotheksbudget? Schließlich weiß man ja vorher nicht genau, wie viele Bücher in welcher Zeit gekauft werden.

Das hat sich bei uns als ziemlich unproblematisch erwiesen: Wir sind zu keinem Zeitpunkt mit Käufen überflutet worden, der Mittelabfluss verläuft relativ kontinuierlich und die Gesamtkosten bewegen sich im anvisierten Rahmen.

Man hat im Übrigen durchaus auch die Möglichkeit, diverse Notbremsen einzubauen: Bei unserem Anbieter lassen sich Kostenobergrenzen sowohl für das Gesamtangebot als auch für einzelne Fach-Etats und einzelne E-Book-Käufe konfigurieren.

Man muss allerdings auch sagen, dass ein PDA-Kauf nicht unbedingt immer die kostengünstigste Möglichkeit sein muss, ein E-Book zu erwerben. In manchen Fällen sind traditionelle Erwerbungsformen tatsächlich preiswerter.

Ist PDA die Erwerbungsform der Zukunft?

Nicht die, aber sicher eine Erwerbungsform der Zukunft.

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