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Lyoner Erklärung
„Freier Zugang zu Informationen für alle“

Tor in eine neue Welt
Tor in eine neue Welt | Foto (Ausschnitt): © Photocreo Bednarek - Fotolia

Der Weltbibliotheksverband IFLA (International Federation of Library Associations and Institutions) hat auf seinem Weltkongress 2014 die „Lyoner Erklärung“ verabschiedet. Goethe.de sprach mit Barbara Lison, Leiterin der Stadtbibliothek Bremen und Mitglied im IFLA-Vorstand, über Ziele, Hintergründe und Chancen der Initiative.

Frau Lison, die „Lyoner Erklärung“ ist an die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen gerichtet. Was genau fordert sie?

Die Weltgemeinschaft arbeitet ja daran, sich für die Zeit von 2015 bis 2020 neue globale Entwicklungsziele zu setzen. Das ist die sogenannte Post-2015-Entwicklungsagenda, die auf die bisherigen Millenniumsentwicklungsziele folgen wird. Hauptsächlich geht es dabei um die Überwindung von Unterentwicklung und Armut. Bei den Vereinten Nationen ist eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden, die sich mit dieser  Agenda befasst. Die IFLA musste feststellen, dass das Thema Information dabei überhaupt keine Rolle spielt. Unserer Ansicht nach ist der freie Zugang zu Informationen für alle aber eine wesentliche Grundlage für die Umsetzung der beabsichtigten Ziele. Das erklären wir in diesem Papier.

Wissensgrundlagen schaffen

Welche Ziele sind das? Und inwiefern können Bibliotheken zu ihrer Durchsetzung beitragen?

Nehmen wir das Ziel „Ökologische Nachhaltigkeit sichern“. Auch dafür braucht es erst einmal die Information und Orientierung, was schädlich für die Umwelt ist. Und welche Maßnahmen und Verhaltensweisen ökologisch sinnvoller wären. Auch die Ziele „Allgemeine Grundschulbildung verwirklichen“, „Kindersterblichkeit senken“, oder „Die Gleichstellung der Geschlechter fördern und die Rolle von Frauen stärken“ können nicht umgesetzt werden, wenn bei den Menschen nicht eine bestimmte Wissensgrundlage gegeben ist. Dafür braucht es einen freien Zugang zu Informationen. Und nicht das Anzapfen einer teuren Datenbank. Wir wollen vermitteln, dass die Bibliotheken ein wichtiger Agent in diesem Zusammenhang sind. Aber wir sind natürlich nicht der einzige.

Geht es vor allem um den Zugang zu digitalen Informationen?

Barbara Lison, Leiterin der Stadtbibliothek Bremen und Mitglied im IFLA-Vorstand Barbara Lison, Leiterin der Stadtbibliothek Bremen und Mitglied im IFLA-Vorstand | © Stadtbibliothek Bremen Die Träger der Information sind gar nicht relevant. Es kommt darauf an, was jeweils der beste Weg ist, an die benötigten Informationen zu gelangen. Auf dem afrikanischen Kontinent können es digitale Informationen sein. In vielen afrikanischen Ländern sind die Bibliotheken sehr schlecht ausgestattet. Aber digitale Zugänge zu aktuellen Information sind über Smartphones leichter zu ermöglichen. Was wichtig ist, weil das Smartphone ein so verbreitetes Gerät in Afrika ist. In Südafrika werden Informationen zum Beispiel über das nationale Bibliotheksnetz Sabinet bereitgestellt. Nicht nur für Bibliothekskunden, auch direkt. Viele Informationen im Netz werden ja von Bibliotheken eingestellt, ohne dass das speziell kenntlich gemacht wäre.

Schranken aufheben

Was sind die größten Hürden, wenn es darum geht, freien Zugang zu Informationen zu schaffen?

Das kommt auf die Weltregion an. In den sogenannten entwickelten Ländern sind es definitiv Fragen von Urheberrecht und Lizenzierungen. Da geht es darum, dass die World Intellectual Property Organization (WIPO) für das Urheberrecht der digitalen Welt Bedingungen schaffen muss, wie sie auch für die Bibliotheksdienstleistungen in der  physischen Welt gelten. 2013 ist es bei Verhandlungen mit der WIPO den Behindertenverbänden gelungen, für sehbehinderte Menschen Schranken bei der Nutzung digitaler Medien aufzuheben, festgehalten im Vertrag von Marrakesch. Das war ein erster Durchbruch.

Und wie ist die Situation in den sogenannten nicht entwickelten Ländern?

Natürlich sind dort Probleme wie die hohe Kindersterblichkeit dringlicher als Fragen des Urheberrechts. Meiner Kenntnis nach setzen sich aber viele der nicht entwickelten Länder bei der WIPO sehr stark für den freien Zugang zu Informationen ein. Was leider oft durch entwickelte Länder, zum Beispiel auch die EU, behindert wird, da dort eher eine Förderung der Entwicklung von Wirtschaftsunternehmen im Fokus steht. Man darf nicht vergessen, dass Politik stark der Beeinflussung durch Lobbys und Verbände unterliegt. Hier haben große Konzerne und Industrieverbände natürlich mehr Macht als ein bibliothekarischer Weltverband.

Partner gewinnen

Was können die nationalen Bibliotheken tun, um die Erklärung von Lyon zu unterstützen?

Wichtig ist vor allem, dass ins Bewusstsein kommt: Der Weltverband setzt sich für Ziele ein, die auch eine lokale Bibliothek verfolgt. Wir wollen aber erreichen, dass die Lyoner Erklärung auch von möglichst vielen nicht-bibliothekarischen Verbänden unterzeichnet wird. Die Aufgabe der nationalen Bibliotheksverbände besteht jetzt darin, möglichst viele Nichtregierungsorganisationen, Verbände, politische Organisationen und Stiftungen in ihrem Land dafür zu gewinnen – damit bei den Vereinten Nationen gesehen wird: Es sind nicht nur Bibliotheken, die sich für den freien Zugang zu Informationen stark machen.

Selbst wenn die Informationsfreiheit in die Entwicklungsagenda aufgenommen würde, wäre es immer noch ein weiter Weg bis zur praktischen Umsetzung.

Bei solchen UN-Erklärungen geht es um Fragen der Referenz. Wie oft zitieren meine Kolleginnen und Kollegen und ich die „Declaration of Human Rights“. Wie oft zitieren wir Artikel 5 Grundgesetz: freier Zugang zu Informationen. Das sind enorm wichtige Bezüge, um deutlich zu machen: Wir argumentieren nicht im luftleeren Raum. Die jeweilige Umsetzung sieht dann natürlich in Südafrika anders aus als in Deutschland, in den USA oder in Singapur. Da geht es dann um nationales Engagement, Beharrlichkeit und Nachhaltigkeit der Argumentation.

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