Gogol-Bibliothek in St. Petersburg „Ein paradiesischer Ort für lange Lesetage“

In der Gogol-Bibliothek findet Ekaterina die Werke all ihrer Lieblingsschriftsteller
In der Gogol-Bibliothek findet Ekaterina die Werke all ihrer Lieblingsschriftsteller | © Andrej Dudyrev

Immer wenn die Studentin Ekaterina Lust auf ihre Lieblingsschriftsteller hat, besucht sie die Gogol-Bibliothek. Dort kann sie stundenlang lesen und sich mit literaturbegeisterten Menschen austauschen.

Die Gogol-Bibliothek in St. Petersburg ist für mich mehr als nur eine Bibliothek. Sie ist wie ein traumhafter Ort aus einem Kindermärchen. Schon als kleines Mädchen liebte ich Bücher, aber sie im eigenen Bett zu lesen, war längst nicht so spannend wie in einer Höhle unter einem Tisch. Eine Decke, ein Stuhl, eine Nachttischlampe, ein paar Kissen – schon hatte ich einen perfekten Ort zum Lesen, an dem ich den ganzen Tag, die ganze Nacht und sogar die ganzen Sommerferien verbringen konnte. Als ich vor drei Jahren die Gogol-Bibliothek zum ersten Mal besuchte, schien mir, dass hier die Träume der kleinen Kathi wahr werden könnten. Das war das Paradies mit meinen Lieblingsschriftstellern Sergej Dovlatov, Joseph Brodsky und Nikolai Gogol, der listig von einem Wandgemälde zu mir herüberschaute.

Es gibt viele unterschiedliche Leseplätze – auch direkt vor den Regalen Es gibt viele unterschiedliche Leseplätze – auch direkt vor den Regalen | © Andrej Dudyrev In der Gogol-Bibliothek gibt es keine strengen „Babuschkas“, ältere Damen, die aufpassen und einem Angst machen. Hier kann man sich seinen Lieblingsroman suchen und einverleiben, sich bequem mit untergeschlagenen Beinen in einen Sessel setzen, um in ein Abenteuer einzutauchen.

Es ist auch erlaubt, den ganzen Tisch mit philosophischen und künstlerischen Bänden zu bedecken, in einem Berg von Notizen baden und zu lernen – und das nicht, weil es Pflicht ist, sondern aus Spaß. Zudem kann man sich einfach von der Hektik im sonst so schönen St. Petersburg erholen.

Hin und wieder entführt die Lektüre sogar ins Reich der Träume Hin und wieder entführt die Lektüre sogar ins Reich der Träume | © Andrej Dudyrev Für mich ist die Gogol-Bibliothek auch ein Ort für intellektuelle Begegnungen. Ich höre mir dort Vorträge an und besuche Filmvorführungen und Theaterstücke. Anschließend tausche ich mich mit Menschen aus, die ähnliche Interessen haben wie ich. Menschen, die die Gedichte von Marina Zwetajewa auswendig kennen und Menschen, die über die Poesie von Daniil Charms diskutieren. Menschen, die in St. Petersburg nicht nur Kaffee trinken, sondern auch gerne lesen – und zwar richtige Bücher, mit Umschlägen und nach Farbe riechenden Seiten.

Der Weg zur Bibliothek ist für ein wenig umständlich. Und leider habe ich immer etwas zu tun – mal ruft das Studium, mal die Arbeit, mal andere dringende Dinge. Doch hin und wieder erinnere ich mich daran, dass ich sowieso nicht alle Sachen erledigen und alle Bücher lesen kann – aber ich kann letzteres doch zumindest versuchen. Sodann fahre ich zur Gogol-Bibliothek, um das schöne Interieur zu bewundern, um mit interessanten Menschen zu sprechen und um etwas Neues oder Altes zu lesen. Da sich die Bibliothek ziemlich weit weg von meiner Universität und meinem Zuhause befindet, leihe ich selten Bücher aus, sondern lese sie gleich an Ort und Stelle.

Ekaterina freut sich über literarische Entdeckungen in der Bibliothek Ekaterina freut sich über literarische Entdeckungen in der Bibliothek | © Andrej Dudyrev Ich freue mich darüber, dass auch meine gleichaltrigen Freunde mittlerweile gerne Bücher lesen und Bibliotheken besuchen. Bei den Besuchern der Gogol-Bibliothek kann man genau erkennen, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Sitzt eine Person beispielsweise am Computer, so bedeutet dies, dass sie konzentriert arbeiten möchte. Sitzt sie lässig in einer gemütlichen runden Nische, ist sie eher auf ein Leseabenteuer aus. Wer allen zeigen will, wie entspannt er gerade ist, kann sich draußen auf den grünen Rasen legen. Die Gogol-Bibliothek passt zu jedem – und genau deshalb ist sie so beliebt.




 

Die Gogol-Bibliothek in St. Petersburg erhielt ihren Namen 1952, als sich der Todestag des Dichters Nikolai Gogol zum hundertsten Male jährte. Sie wurde im November 2013 nach einer großen Modernisierungsaktion wiedereröffnet. Die schon 1918 gegründete Bibliothek bleibt der Petersburger Bibliothekstradition treu und verbindet sie mit modernen Elementen. So sind die Säle multifunktional konzipiert und können dank mobiler Möbel als Arbeits-, Vortrags- oder Konzertraum genutzt werden. Die Bibliothek präsentiert sich als „dritter Raum“ neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz bzw. der Schule. Erklärtes Ziel der Einrichtung ist es, die Popularität der Lese- und Buchkultur zu steigern, lokale Bürgerinitiativen zu unterstützen und eine Vielzahl kultureller Veranstaltungen anzubieten.