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Neue Stadtbibliothek in Stuttgart „Suchen Sie Ihre Kontaktlinsen, oder ist das Kunst?”

Screenshot aus dem Video „Literatursitz“
Screenshot aus dem Video „Literatursitz“ | Foto (Ausschnitt): © Katharina Wibmer

Die Künstlerin Katharina Wibmer hat die neue Stadtbibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart sprichwörtlich auf den Kopf gestellt. In ihrer Videoinstallation „Die Biblioskopin” kreiert sie ganz eigene Lesefantasien.

Von Ula Brunner

Eigentlich habe ich nicht so viel mit Büchern zu tun. Ich bin eher ein visueller und auditiver Mensch, sehr neugierig und schaffensfreudig. Aber natürlich kannte ich die neue Stadtbibliothek am Mailänder Platz seit ihrer Eröffnung 2011. Mit ihrer eindrucksvollen Architektur zieht sie auch viele Touristen an. Als ich das erste Mal oben in dem vier Stockwerke hohen trichterförmigen Treppenhaus stand, wurde mir leicht schwindlig. Ich fühlte mich an die Bilder von M.C. Escher erinnert, mit ihren unmöglichen Perspektiven und optischen Täuschungen. Der zentrale Innenraum ist strahlend weiß, und ich empfand eine Art Diskrepanz zwischen den erhabenen, cleanen Räumlichkeiten und den Büchern, die so unglaublich viel erlebt haben. Der Eindruck war fast surreal. Das ganze Haus ist eine Herausforderung.

Katharina Wibmer vor der Stadtbibliothek Katharina Wibmer vor der Stadtbibliothek | Foto (Ausschnitt): © Katharina Wibmer Im Foyer der Stadtbibliothek ist die Galerie b, ein Ausstellungsbereich mit 16 Monitoren, der von verschiedenen Künstlern temporär bespielt wird. 2016 hat mich der Kurator Johannes Auer gefragt, ob ich dort ausstellen möchte. Das Thema konnte ich frei bestimmen. Da ich kein eigenes Atelier habe, und mich die Räume der Bibliothek faszinierten, hatte ich die Idee, dort zu drehen.

Querdenken, © Katharina Wibmer
Ich wollte die Architektur erkunden, sie aus verschiedenen Perspektiven auf mich wirken lassen, mit dem Thema Orientierung spielen. Denn obwohl die Bibliothek puristisch ist, wirkt sie doch so komplex, dass es für die Nutzer anfänglich schwer ist, sich zurechtzufinden.

Ich arbeite experimentell und habe zunächst begonnen, zu improvisieren, Räume und Dinge aus neuen Blickwinkeln zu betrachten und den Eindruck einer gewissen Überforderung auf die Spitze zu treiben. Rein technisch habe ich dafür viel mit Spiegelungen und verschiedenen Kamerapositionen gearbeitet.
Zeitungssitz, © Katharina Wibmer
Zeitungssitz etwa ist in der Zeitschriftenecke der Bibliothek gedreht. Im Video sieht es aus, als hänge das Sofa senkrecht an der Wand. Zeitungen fliegen mir zu. Das Ganze ist natürlich eine optische Täuschung und obwohl der Betrachter sieht, dass genau dieses Sofa vor dem Monitor auf dem Boden steht, tappt er in die perspektivische Falle.

Einen ganzen Monat lang war ich täglich frühmorgens in der Bibliothek, um drehen zu können, bevor sie geöffnet hat. Gut eine Stunde habe ich gebraucht, um die Kamera zu positionieren und hatte dann nur eine Stunde Zeit, die Szene zu filmen. Es war schon teilweise akrobatisch, wie ich mich über Sofas, Treppen und Böden bewegen musste, um meine Bildideen umzusetzen. Manchmal haben mich die Reinigungskräfte auch angesprochen und gefragt: „Geht es Ihnen gut?“
Lesestufen, © Katharina Wibmer
Eine Mitarbeiterin hatte beobachtet, wie ich mich für eine Szene in Lesestufen auf allen Vieren die Stufen herunter bewege, und sie meinte: „Suchen Sie Ihre Kontaktlinsen, oder ist das Kunst?“ Für dieses Video habe ich diverse Einstellungen von mir auf den Treppen gedreht: sitzend oder in die unterschiedlichsten Richtungen gehend. Diese Clips habe ich so montiert, dass ein neuer Raum entsteht, mit Treppenverläufen, die architektonisch oder perspektivisch eigentlich gar nicht möglich sind.
Verstiegenheit, © Katharina Wibmer
Verstiegenheit ist auf der riesigen Dachterrasse entstanden. Hierher kommen viele Jugendliche, um Selfies zu machen. Weil gerade junge Menschen oft Grenzerfahrungen suchen, griff ich das Phänomen thematisch auf. Im Video sieht es aus, als mache ich eine halsbrecherische bodenlose Akrobatik. Tatsächlich war die Drehsituation keineswegs gefährlich. Auch hier stand es dem Ausstellungspublikum frei, diesen kalkulierten Irrtum zu enträtseln.

Für mich war die Zeit, in der ich mir die Bibliothek quasi erarbeitete, sehr intensiv. Morgens habe ich gefilmt, nachmittags gesichtet und geschnitten. Ich war wie eine Forscherin, fasziniert und besessen von der Arbeit. Meine Familie litt, ich war nicht richtig ansprechbar. Durch das ganze Projekt hat sich meine Einstellungen zur Architektur geändert. Der übergroße Respekt hat sich in Zustimmung verwandelt. Ich finde, durch den großzügigen Raum werden die Bücher gewürdigt und das Leseerlebnis intensiviert.

Besucher der Galerie b Besucher der Galerie b | Foto (Ausschnitt): © Katharina Wibmer Die 16 Loops, also Videoschleifen unterschiedlicher Länge, wurden dann von September bis November 2016 bei laufendem Bibliotheksbetrieb gezeigt. Die Mitarbeiter haben mir erzählt, es war eine der Ausstellungen, die am meisten beachtet wurde. Viele Besucher blieben lange vor den Videos stehen, haben gerätselt und auch viel gelacht.
 

Die Videokünstlerin und Musikerin Katharina Wibmer, Jahrgang 1966, hat ihren ursprünglichen künstlerischen Impuls aus dem Theaterbereich. Mit ihren Videoinstallationen ist sie auf internationalen Ausstellungen vertreten, unter anderem erhielt sie 1997 den Marler Videokunstpreis. Vom 21.9. bis 26.11.2016 zeigte sie ihre Videoinstallation „Die Biblioskopin” in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart.
Die Zentralbücherei in Stuttgart ist seit Oktober 2011 im neu errichteten Gebäude der Stadtbibliothek am Mailänder Platz beheimatet. Der elegante Kubus wurde von dem koreanischen Architekten Eun Young Yi entworfen. Zentrales Element ist ein leerer, vollkommen weißer, viergeschossiger Raum. Das Gebäude bietet auf 11.500 Quadratmetern Platz für eine halbe Million Bücher und Medien.

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