Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Casa de la lectura, Buenos Aires
„Ein Raum der Begegnungen“

Mirta stöbert im Bestand zeitgenössischer Literatur der Casa de la lectura
Mirta stöbert im Bestand zeitgenössischer Literatur der Casa de la lectura | Foto: © Natalia Laube

Mirta E. ist pensionierte Lehrerin und besitzt eine umfangreiche private Bibliothek. In die „Casa de la lectura“ geht sie vor allem wegen der Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und Neues kennenzulernen.

2011 wurde ich von einer Bekannten eingeladen, sie zur Casa de la lectura zu begleiten. Zunächst nahm ich an einer Schreibwerkstatt teil, habe dann aber sehr bald meinen Platz im Leseclub gefunden. Mir gefiel es sehr, meine Ideen zu gelesenen Büchern mit anderen Leserinnen und Lesern auszutauschen. Seither besuche ich den Club regelmäßig. Wir lesen einen Roman im Monat: Klassiker, lateinamerikanische und argentinische Literatur. Dabei sind wir offen für alle Genres und Richtungen, denn es gefällt uns, viele unterschiedliche Werke und Literaturen zu kennen und kennenzulernen.
 
Teils aus Spaß, aber durchaus auch aus einer „ernsthaften“ Motivation heraus begann ich damit, nach jedem Treffen eine E-Mail an alle Teilnehmer zu schreiben. Darin berichtete ich den Fehlenden, über welche Themen wir beim letzten Mal gesprochen hatten. Außerdem ergänzte ich gelegentlich die Ausführungen unseres Leiters um eigene Recherchen. Ich fügte beispielsweise Informationen über den Autor hinzu, über den wir gerade sprachen, oder einige Literaturempfehlungen, die einen tieferen Einstieg in das Thema des Romans ermöglichen würden. Diese wöchentliche E-Mail hat sich sehr schnell etabliert und ist schon länger quasi offiziell meine Aufgabe. Jetzt, wo in der Woche bereits vier Leseclub-Treffen angeboten werden, gehe ich zu allen und schreibe nach jedem einzelnen Treffen eine E-Mail, in der ich die letzte Veranstaltung zusammenfasse und versuche, so das Wissen aller Beteiligten zu erweitern. Der helle und offene Eingangsbereich der Casa de lectura Der helle und offene Eingangsbereich der Casa de lectura | Foto: © Natalia Laube Eine deutsche Freundin, die in Buenos Aires lebte und vor einiger Zeit nach Köln zurückgekehrt ist, bekommt weiterhin jede Woche meine Mails. Für sie ist es eine Möglichkeit, mit uns in Kontakt zu bleiben; gleichzeitig leitet sie meine Mails an eine Freundin in Kuala Lumpur weiter. Ich freue mich darüber, dass meine Berichte ihren Weg um den Globus finden und eine große Verbundenheit zwischen Lesern schaffen, die über die ganze Welt verstreut sind.
 
Da ich eine große Privatbibliothek besitze, leihe ich mir in der Casa de la lectura keine Bücher aus. Jedoch nehme ich begeistert an allen Aktivitäten teil, die dort angeboten werden. Neben den Treffen des Leseclubs gehe ich auch zu den Filmvorstellungen am Freitag und zum Erzähl-Club, der von der Gruppe Mujeres de palabra angeboten wird. Ich bin ein großer Fan von ihnen und verehre sie, wie andere vielleicht eine Rockband verehren, denn ich liebe es, ihre Geschichten zu hören – sie erzählen sie auf eine wunderbare Art.
 
Im Mai des vergangenen Jahres schloss die Bibliothek für einige Monate. Man hatte uns vorgewarnt: Es würde sich um umfangreiche Arbeiten handeln und die Struktur des Hauses würde sich komplett verändern. Obwohl wir also vorbereitet waren, traf es uns wie ein Schock, als das Haus dann tatsächlich schloss. Sicher, das Haus war ein wenig düster gewesen, aber es war unser Ort! Wie würde er wohl in Zukunft sein? Die renovierte Casa de la lectura wird gut besucht Die renovierte Casa de la lectura wird gut besucht | Foto: © Natalia Laube Dann, Wochen später, konnten wir die Baustelle besuchen, und als wir sahen, dass uns nach Abschluss der Bauarbeiten ein schönerer Ort erwarten würde, waren wir sehr erleichtert. Zu Beginn der Renovierung hatte man uns als häufige Nutzer befragt, welche Bedürfnisse wir diesbezüglich hatten und wie wir uns das neue Gebäude vorstellten. Wir ließen unserer Fantasie freien Lauf. Eine Dame meinte zum Beispiel: „Mir würde ein Spielzimmer für meinen Enkel gefallen!“ Es war ein tolles Gefühl, sich dann all das Neue auf der Baustelle anzusehen! Und einige unserer Visionen wurden tatsächlich Wirklichkeit!
 
Ja, die Bibliothek hat sich durch den Umbau sehr verändert: Sie besteht nun überwiegend aus Glas, ist von Tageslicht durchflutet, und alle Räume sind viel offener. Jetzt können die Leute, die draußen an den Fenstern vorbeilaufen und einen Blick hineinwerfen, sofort sehen, dass drinnen eine Menge passiert – man fühlt sich eingeladen, vorbeizuschauen und mitzumachen. Früher wussten einige Menschen aus der Nachbarschaft nicht einmal von der Existenz der Bibliothek. Seit der Neueröffnung sehe ich zahlreiche unbekannte Gesichter; es kommen viele neue Besucher und sie beginnen, sich dort wohlzufühlen. Mich macht das glücklich: Jedes Mal, wenn ich die Bibliothek weiterempfehle und sich diese Person für die Bibliothek begeistert, spüre ich pures Glück. Mirta findet in der Casa de lectura viele Anregungen für ihre Lesekreise  Mirta findet in der Casa de lectura viele Anregungen für ihre Lesekreise | Foto: © Natalia Laube  

Die Casa de la lectura ist eine von 30 Stadtbibliotheken in der Stadt Buenos Aires. Auch wenn ihr umfangreicher Bestand fiktionale und non-fiktionale Bücher aus allen Epochen umfasst, so ist sie besonders für ihr außergewöhnliches Angebot an argentinischer zeitgenössischer Literatur bekannt. Gelegen im Stadtteil Villa Crespo im Zentrum der argentinischen Hauptstadt, ist die Bibliothek seit 2007 für ihre Nutzer geöffnet. 2017 schloss die Bibliothek für einige Monate und wurde grundsaniert und modernisiert. Nach der Wiedereröffnung gewann die Casa de la lectura viele neue Besucher und wandelte sich in einen kulturellen Raum für Begegnungen, der heute aus der Stadt nicht mehr wegzudenken ist.

Top