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Jakob Hein
Der deutsche Kaiser und der Dschihad

Das Deutsche Reich plante zu Beginn des Ersten Weltkriegs, einen Dschihad in der muslimischen Welt auszulösen, um die Kolonialmächte zu schwächen. Jakob Hein schickt in seinem aktuellen Roman seinen jüdischen Helden Edgar Stern auf eine wahnwitzige Reise.

Von Holger Moos

Die Orient-Mission des Leutnant Stern © Galiani Berlin Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs befindet sich die Titelfigur des Romans Die Orient-Mission des Leutnant Stern, die im wirklichen Leben nach der Hochzeit mit Josefa Rubarth im Jahr 1919 Edgar Stern-Rubarth hieß, noch als Tourist in einer noblen Sommerfrische an der belgischen Küste und genießt die französisch angehauchte Küche. Doch nach Kriegsausbruch müssen die Deutschen Belgien schnellstens verlassen.

Stern ist Leutnant und hat als Bürgerlicher erstaunlich moderne Ansichten, was im traditionell aristokratisch geprägten deutschen Militär nicht nur auf Gegenliebe stößt. So hält er Kolonien für nicht mehr zeitgemäß: „Schließlich machte das Deutsche Reich großartige Geschäfte mit fernen Ländern im Orient, wie sie sich Frankreich und Großbritannien nur erträumen können“. Er findet also einen Wirtschaftsimperialismus heutiger Ausprägung, „ohne einen einzigen Schuss abgegeben zu haben“, zeitgemäßer.
Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ist ein Freund der Muslime. Deutschland genießt, im Gegensatz zu den verhassten großen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich, ein verhältnismäßig hohes Ansehen in der muslimischen Welt. Das möchte die deutsche Militärführung ausnutzen. Der Sultan von Konstantinopel soll den Dschihad ausrufen. Die Deutschen glauben, das werde einen Flächenbrand in der muslimischen Welt auslösen und dazu führen, dass Großbritannien und Frankreich in ihren jeweiligen Kolonien stark unter Druck geraten. Das soll die (nicht gerade rosigen) Aussichten des Deutschen Reiches, den Krieg möglichst schnell zu gewinnen, verbessern.

„Offensichtlich ist das Ganze doch etwas komplizierter als gedacht mit den Muslimen“

Um diesen Plan umzusetzen wird Leutnant Stern unter Leitung des Diplomaten und Orient-Kenners Karl Emil Schabinger von Schowingen (ein Name, den man sich nicht besser ausdenken kann) auf eine Expedition nach Konstantinopel geschickt. Mit den beiden reisen 14 Muslime, die die Deutschen aus französischer Kriegsgefangenschaft befreit haben. Sie sollen der Mission eine größere Glaubwürdigkeit geben und die Stimmung in Konstantinopel anheizen, indem sie ihren muslimischen Brüdern berichten, wie schlecht die Franzosen sie behandelt haben.
Unter den 14 muslimischen Kriegsgefangenen befindet sich auch Tassaout, ein junger Marokkaner aus dem Dorf Megdaz, das hoch im Atlas-Gebirge gelegen ist. Dieser erkennt schon früh, dass die Europäer nicht wirklich in der Lage sind, ethnische Unterschiede zu erkennen. Er wundert sich etwa, dass der marokkanische Sultan Mulai Yusuf den Franzosen nur Berber wie ihn und kaum Araber für den „Großen Kampf“ zur Verfügung stellt. Ein anderer Berber erklärt ihm: „Den Franzosen ist das doch egal. Die können doch einen Berber oder einen Araber nicht einmal von einem Gnawa unterscheiden, und wäre der so schwarz wie Ruß. Sie verlangen vom Sultan einfach Köpfe. Und er gibt ihnen Köpfe“.

Den Deutschen ist nicht einmal der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten hinlänglich bekannt. Denn natürlich hat der Aufruf zum Dschihad durch den sunnitischen Sultan von Konstantinopel bei den Muslimen in anderen Weltgegenden und insbesondere unter den Schiiten keinerlei Folgen. Dass die Einschätzung, der Aufruf zum Kampf werde die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten überwinden, sehr naiv ist, wird den Deutschen erst danach klar, wie ein deutscher Major feststellt: „Offensichtlich ist das Ganze doch etwas komplizierter als gedacht mit den Muslimen“.

Gut erzählte Geschichte und zugleich eine gut erzählte Geschichte

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Das macht den Roman sehr abwechslungsreich und vielschichtig. Und vielleicht will Hein „seinen Lesern eine Anregung zum Hinterfragen, Nachlesen und Weiterdenken [...] geben“, wie Laura Henkel in der FAZ mutmaßt. Im Anhang, auch schön anspruchsvoll „Paralipomena“ genannt, findet man jedenfalls einige historische Informationen zum Nachlesen.
Darüber hinaus verleiht Hein der Geschichte jede Menge Witz und feine Ironie. Die preußische Verwaltung, mit der sich Stern bei der Vorbereitung der Reise herumschlagen muss, sei ein „verwaltungstechnisches Wunderwerk“. Dieses Wunderwerk funktioniere ganz gut, wenn man nur Dienst nach Vorschrift verlange: „Wenn man aber wie Stern eine dieser Verwaltung bisher völlig unbekannte Aufgabe vor sich hatte und diese auch noch in kurzer Zeit erledigen wollte, dann wurde das ganze Wunderwerk ungefähr so sinnvoll, wie wenn man bei einem Kranken dringend die Körpertemperatur bestimmen musste, dafür jedoch nichts anderes zur Verfügung stand als eine Schweizer Uhr“. An anderer Stelle heißt es: „Wenn es uns gelänge, jeden Ansturm unserer Feinde durch die Wege unserer Bürokratie zu lenken, wir hätten genügend Zeit, uns auf jeden Krieg jahrelang vorzubereiten“.

Es geht nicht immer gut, wenn sich ein Schriftsteller eines historischen Ereignisses bemächtigt und dieses literarisiert. Doch Jakob Hein gelingt beides: Sein Roman ist gut erzählte Geschichte und zugleich eine gut erzählte Geschichte. Es ist auch die von Wolfram Koch gelesene Hörbuch-Version erschienen.
 
Rosinenpicker

Hein, Jakob: Die Orient-Mission des Leutnant Stern
Berlin: Galiani Berlin, 2018. 256 S.
ISBN: 978-3-86971-172-0
ISBN (Hörbuch): 978-3-8398-1634-9

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