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Katharina Adler
Der Fall Ida A.: Vom Objekt zum Subjekt

In Katharina Adlers Debütroman wird eines der berühmtesten Fallobjekte der jüngeren Psychologiegeschichte zum Subjekt: Adlers Urgroßmutter Ida wurde durch Sigmund Freud als „Fall Dora“ („Bruchstück einer Hysterie-Analyse“, 1905) berühmt – das Buch ist aber auch die Rückereroberung der Erzählung durch die Urenkelin. 

Von Friederike van Stephaudt

Ida © Rowohlt-Verlag Alles beginnt mit Idas Ankunft in Amerika, wohin sie 1942 aus Österreich vor den Nazis flieht. Sie versucht anzukommen, sich mit dem neuen Leben zu arrangieren und das alte Leben in der Wiener Gesellschaft zu vergessen. Es gelingt ihr mehr oder minder gut, bis sie auf einem Empfang unerwartet ihre Vergangenheit einholt: „Ida hörte, wie die Dux sich nun einschaltet: Sie habe selbst gerade mit einer Analysis begonnen und finde es fantastic. Da ist er, so viele Jahre später, so viele Kilometer entfernt: der Herr Doktor.“

Gespräche mit Sigmund Freud

Dieser Herr Doktor ist niemand anderes als der österreichische Neurologe und Tiefenpsychologe Sigmund Freud, der sich durch die Begründung der Psychoanalyse in das kulturelle Gedächtnis einschrieb. Seine Bücher, die Einblicke in seine Analysen und Denkprozesse geben, gehören zum festen Kanon der jüngeren Kulturgeschichte. Es sind insbesondere Fälle von jungen Frauen, die – so Freud – aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und unterdrückter Triebe von ihm behandelt und dechiffriert werden. Ida, die Protagonistin, ist eine dieser Frauen.
 
Ida wird aufgrund verschiedener Krankheitszustände, wie etwa Migräne, andauerndem Husten, Schwäche und wiederholt auftretender Bauchschmerzen, von ihrem Vater in die Praxis Freuds in der Berggasse 19 geschickt. Empfohlen wurde ihm der Doktor von einem Freund.

Es sind Männer, die über Idas Leben bestimmen

Und hier schon beginnt das Desaster: Es sind Männer, die über Idas Leben bestimmen; es sind männliche Worte, die „krank“ und „gesund“, „normal“ und „verrückt“ definieren; es sind männliche Perspektiven, die Handlungen als angemessen und erlaubt bestimmen; und es sind Männer, die über Wahrheit und Lüge entscheiden. Es zeigt sich schnell: Macht manifestiert sich hier – im Text und demgemäß in der Wiener Gesellschaft jener Zeit – in der Möglichkeit, Sprechanteile zu verteilen, dem Sprechenden gesprochene Worte zu entreißen, Bedeutungen zu verleihen und Interpretationen anzustellen.
 
Alles wird in der Interpretation Freuds sexualisiert, jedes Detail dient der Bestätigung seiner Theorie.
Ida durchschaut diese Strategie, deren inhärente Erniedrigung sie immerzu spürt. So heißt es beispielsweise: „Noch während sie es aussprach, wusste sie schon, was der Herr Doktor daraus drehen würde.“ Als junge Frau hat Ida keine Möglichkeit ihr eigenes Narrativ zu formulieren und Verhaltensweisen – gleich ob von anderen oder ihr selbst – gemäß ihrer Haltung zu interpretieren.

Wie aus dem Fall Dora der Mensch Ida wird

Die eigentliche Analyse beziehungsweise die Wiedergabe der Gespräche aus Idas Sicht nehmen nur einen Bruchteil der Erzählung ein. Nicht über diese Momente definiert sich der historische Roman. Es geht daher nicht so sehr um die Widerlegung der Freud’schen Theorie, als um die Wiederaneignung einer Lebensgeschichte, die Korrektur einer übergriffigen Tat.
 
Momente des produktiven Bruchs stellen dabei die einzelnen, über das Narrativ verteilten Passagen aus Freuds Werk dar: Die Erkenntnis, wie zerstörerisch die Enteignung ist, die er gegenüber Ida vornimmt, und wie ebenso respektlos die Niederschreibung ihrer Lebensgeschichte anmutet, die ohne ihre Einwilligung stattfand.

Zeugnis einer zum Schweigen verurteilten Frau

Der Text schildert dies in einem betulichen Ton. Diese bisweilen schleppende Erzählhaltung funktioniert jedoch, indem sie ein Lebensgefühl transportiert, das auf inhaltlicher Ebene bereits vielfach reproduziert wurde. Leider arbeitet der Text dabei immer wieder gegen Idas Charakter an. Die junge, fordernde, nicht ins gesellschaftliche Klischee passende Frau hat nur wenige Möglichkeiten, Längen des Textes entgegenzustehen. 
 
Ida als junges Mädchen, das von einem älteren Mann bedrängt wird; Ida als frisch verheiratete Frau, die sich gegen ihre Familie auflehnt; Ida als Witwe, die sich selbstständig macht; und schließlich Ida als gealterte Frau in Amerika, die ihren Sohn nach Jahren der Trennung wiedersieht. Der Text versucht diesen Ereignissen gerecht zu werden, scheitert jedoch in einzelnen Passagen. Manches bleibt aufgrund der großen Fülle unklar, unscharf. Die exakte Wanderung entlang von Daten und Fakten nimmt dem Roman bisweilen Tiefe.
Und nichtsdestotrotz: Es ist ein bewegtes Leben, ein von gesellschaftlichen Ereignissen gezeichnetes Leben, das Katharina Adler schildert und womit sie das lesenswerte Zeugnis einer Frau formuliert, die zum Schweigen verurteilt war. 
 

Rosinenpicker Adler, Katharina: Ida
Reinbek: Rowohlt, 2018. 512 S.
ISBN:  978-3-498-00093-6

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