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Navid Kermani
Von Schwerin nach Isfahan

Navid Kermani schildert in seinem aktuellen Buch nicht nur Reisen durch diverse Orte und Länder, sondern auch zu den Menschen dort, in deren Köpfe und Herzen – und natürlich in die Vergangenheit. Am Ende ist es sogar ein sehr persönliches Reisetagebuch.

Von Holger Moos

Entlang den Gräben © C.H. Beck Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan nennt der 1967 als Sohn iranischer Einwanderer geborene, in Köln lebende Schriftsteller und Orientalist seinen Reportageband. Auf seinen Reisen ist er dem 20. Jahrhundert mit seinen vielen Katastrophen und Spannungen auf der Spur – von Schwerin über Polen, Litauen, Weißrussland, die Ukraine bis hin zu Tschernobyl, den Tschetschenien-Kriegen und den vielen lokalen Konflikten im Kaukasus, von denen kaum einer weiß.

Gräben – viele Bedeutungen

Den Begriff der Gräben verwendet Kermani in seiner ganzen Vieldeutigkeit. Er meint damit ganz konkret die Schützengräben gegenwärtiger und vergangener Kriege. Gemeint sind aber auch die Gruben, die Massengräber, die für die unzähligen Massenerschießungen in ganz Osteuropa ausgehoben wurden.
 
Schließlich geht es Kermani auch um die tiefen Gräben in den Köpfen, die die Grundlage von Rassismus und Schlimmeren waren und immer noch sind. Und wenn er schließlich in den Kaukasus reist und von dort in den Iran, lernt er auch die Gräben kennen, die Europa und Asien trennen. 

„Es gibt keine Monokulturen, nirgends“

Sein Credo formuliert Kermani, als er die Schwarzmeerküste entlangfährt. Geschichte und Kultur seien ein einziges „Kuddelmuddel“: „Es gibt keine Monokulturen, nirgends. Es gibt nur friedliche und nicht friedliche Wege zusammenzuleben, sofern man den anderen nicht auszulöschen bereit ist“.
 
Oft genug wurden und werden die Menschen von den Mächtigen in den Hass gegen die „Anderen“ getrieben. So beurteilt ein aserbeidschanischer Taxifahrer den Krieg zwischen Aserbeidschan und Armenien: „Den Krieg haben die Mächtigen geführt. Wir haben nur unsere Toten dazugegeben. […] Der Krieg ist nicht wegen des Hasses ausgebrochen, sondern der Hass wegen des Krieges“.
 
Interessant ist auch das Gespräch mit dem armenischen Komponisten Tigran Mansurian, dessen Großeltern während des Völkermordes an den Armeniern in den Jahren 1915/16 ums Leben kamen. Dieser sagt: „Wenn wir einsehen, dass Leben nun einmal aus Verlusten besteht, dann war es das Beste, was mir unter den gegebenen Umständen passieren konnte, dass ich als Flüchtlingskind nach Armenien kam. Es war der best loss“. 

Gelehrt und menschlich

Kermani schreibt sehr gelehrt, zugleich aber auch sehr menschlich. Er gibt Einblicke in die unterschiedlichen Mentalitäten und gibt Anstöße, über Fragen der (nationalen) Identität und Geschichte nachzudenken, vermeintliche Gewissheiten in Frage zu stellen.
 
In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau plädiert er für mehr Respekt gegenüber nationalen Unterschieden und auch dafür, Verunsicherung zuzulassen: „Ich denke heute, dass es mehr Flexibilität braucht – mehr Geschmeidigkeit, mehr Rücksicht auf gewachsene Unterschiede.“ 

„Es gibt keine bessere Welt“

Die Reisen ins Baltikum, nach Weißrussland und in die Ukraine, auf die Krim sowie in die Kaukasusregion unternahm Kermani im Auftrag des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Am Ende berichtet er aus Isfahan, der Heimatstadt seiner Eltern. Dieser Reisebericht ist der persönlichste. Er verbringt vier Wochen an dem Ort seiner Kindheit in einem Land, das nicht nur aufgrund von Unfreiheit und Unterdrückung so furchtbar ist, sondern auch wegen der Unfähigkeit der Regierenden, die die Ressourcen des Landes rücksichtslos plündern. Im Iran gebe es eine „Herrschaft, die für die Ewigkeit angetreten war, aber nur in den Tag lebt, weil sie offenbar selbst nicht damit rechnet, morgen noch da zu sein“.
 
Im Isfahan seiner Kindheit gab es einen Fluss, der der Stadt jedoch genommen wird, weil dessen Wasser anderswo gebraucht wird. Die meiste Zeit des Jahres existiert nur ein trockenes Flussbett, ein Sinnbild für den Raubbau, den die geistlichen und politischen Führer an ihrem Land begehen. Kermani geht jeden Morgen dorthin, auch wenn der Anblick ihn traurig macht. Einzig der Blick auf die faszinierende Kuppel der Scheich Lotfollāh Moschee stimmt Kermani wieder milder: „Es gibt keine bessere Welt“, schreibt er.
 

Rosinenpicker
Kermani, Navid: Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan
München: C.H. Beck, 2018. 442 S.
ISBN: 978-3-406-71402-3

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