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Hanno Rauterberg
Worüber wir reden, wenn wir über die Freiheit der Kunst reden

Ist das, was ich sehe, höre, lese politisch korrekt? Der Kunstkritiker Hanno Rauterberg ergründet Ursprünge und Ausprägungen des gegenwärtigen Analysemodus in der Kunst- und Kulturrezeption.

Von Friederike van Stephaudt

Wie frei ist die Kunst © Suhrkamp Der Begriff der politischen Korrektheit irrt schon lange durch Diskussionen und Debatten – häufig jedoch ist unklar, was genau wir darunter verstehen und welchen Stellenwert wir diesem beimessen. Für die Kunstproduktion und -rezeption waren die entsprechenden Diskurse lange nicht relevant, die Kunst ein Ort der Extreme, Provokationen und Freiheiten. Nun aber wird auch die Kunst auf ihre politische Korrektheit hin überprüft.

Die Feuilletons sind voll von Artikeln, die Kunstwerke verteidigen oder vernichten – doch nicht hinsichtlich ihres künstlerischen Wertes, sondern ihrer ethischen Unfehlbarkeit. Leitfragen sind: Wie politisch korrekt ist die Kunst? Ist das, was sie präsentiert, ethisch vertretbar? Ist die Person, die sie schuf frei von Fehlern? Doch sind dies überhaupt die Maßstäbe, denen Kunst zu entsprechen versucht? Entfaltet die Kunst nicht gerade in ihrer Freiheit, ihrer Unabhängigkeit von diesen Bewertungsmustern ihr volles Potenzial?

Zwischen freier Gesellschaft und freier Kultur

Der Journalist Hanno Rauterberg geht in Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus beiden Fragerichtungen nach – der, die Kunst hinsichtlich ethischer Kategorien zu beurteilen versucht, und jener, die Kunst losgelöst von gesellschaftlichen Werten betrachtet. Politisch korrekt oder inkorrekt wird die Kunst in ihrer derzeitig populären Lesart eingestuft, indem man sie auf rassistische, sexistische, koloniale oder pädophile Darstellungen und Hintergründe prüft. Ist nur ein Verdacht möglich, so fordern Aktivistinnen und Aktivisten nicht selten die Zerstörung des betroffenen Werkes. Hanno Rauterberg beschreibt die herrschende Debatte als einen „Kulturkampf“, der mittlerweile darüber hinaus die „Krise des Liberalismus“ aufzeige. Diese Krise wird laut dem Kunsthistoriker in der Schärfe der Diskussionen offensichtlich: „Es ist ein Zweifel am Wert der Freiheit und er macht aus dem Streit um die Kunst einen gesellschaftlichen Konflikt.“

Rauterberg verdeutlicht geschickt, dass die gegenwärtige Debatte um Kunst die genannte gesamtgesellschaftliche Dimension beinhaltet. Es gilt, Entwicklungen zu verfolgen und Ursprünge zu definieren. Der ZEIT-Redakteur nutzt in diesem Sinne jedes der fünf Kapitel, um gemäß der reflexiven Grundhaltung des Textes weiterführende Fragestellungen zu formulieren: Wie frei sind Künstlerinnen und Künstler? Wie frei ist die Institution, die Kunst präsentiert, das Museum? Wie frei sind die, die diese Kunstwerke betrachten? Wie frei ist die Gesellschaft, die zum Hallraum all dieser Fragen wird? Und schließlich: Wie frei ist die Freiheit?

Fragen statt Antworten, Gedanken statt Positionen

Rauterberg erläutert Fälle, Hintergründe und Debatten, zieht zuweilen philosophische Positionen heran, um neue Betrachtungsmöglichkeiten zu eröffnen, und zitiert zeitaktuell aus dem deutschen Feuilleton. In der dichten Fügung aktueller Beispiele zeigt Rauterberg, wie wenig ein Konsens über Geschmack, Werte und insbesondere Empfindlichkeiten möglich ist. Denn die Maxime scheint fortan zu lauten: „Er (der Künstler) soll die versöhnliche Mitte sein, nicht der extreme Rand.“ Kunst soll gefallen und bestätigen, soll über das Unversöhnliche hinwegführen und das Extreme negieren. Vergessen wird dabei, was die Kunst zum Verstehen, zur Annäherung und zur gesellschaftlichen Diskussion beitragen kann: Anreize, Positionen und Provokationen, einen Raum zur Reflexion über Missstände und Macht.

Der Genredeklaration Essay folgend, ist Rauterbergs Buch vor allem ein Text der Fragen, der Offenheit: Er will sich nicht in die Reihe jener stellen, die denken, eindeutige Antworten auf vieldeutige Fragen zu haben. Hier geht es nicht um eine Beurteilung, um eine weitere Position im „Kulturkampf“, sondern um die Reflexion bereits formulierter Positionen. Wie frei ist die Kunst? ist kein Plädoyer für die Kunstfreiheit, keine polemische Streitschrift, sondern ein Buch der sachlichen Debatten und damit ein wohltuend unaufgeregter Beitrag zu einer aufgeheizten Diskussion.
 
Rosinenpicker Rauterberg, Hanno: Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus
Berlin: Suhrkamp, 2018. 141 S.
ISBN: 978-3-518-12725-4
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