Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Heinz Strunk
Geschichten von ganz unten

Heinz Strunk führt seine Leserinnen und Leser gerne in die Niederungen der Gesellschaft. In  seinem neuen Erzählband schaut er dahin, wo es wehtut, wo das Komische und das Tragische sich treffen.

Von Holger Moos

Das Teemänchen © Rowohlt Strunk macht mit seinen Erzählungen dort weiter, wo er mit seinem erfolgreichen Roman Der goldene Handschuh aufgehört hat. Er ist ein Seismograf der sozialen Verhältnisse und liefert brutal ehrliche Menschenbeschreibungen. Beschönigungen sind Strunks Sache nicht.
 
Das Teemännchen heißt der schmale Band, und er präsentiert eine Ansammlung menschlicher Scheiterhaufen: etwa das Porträt eines onaniesüchtigen Jungen oder die Autopsie eines ineinander verkeilten Paares, er „Prototyp des unbelehrbaren, humorlosen, linken Spießers“, sie hat sich längst damit abgefunden, dass man zusammen bleibt. Es sei kaum vorstellbar, dass beide neue Lebensabschnittsgefährten fänden: „Zu alt, zu leer, zu langweilig, zu dick, zu dünn, zu arm, zu uninteressant, zu alles Mögliche.“ Der Höhe- und Tiefpunkt wird nicht bei Tempo 100 – so heißt diese Geschichte, sondern bei Tempo 60 auf der Autobahn erreicht.

Parade der Abgehängten

Weiter geht es in der Parade der gesellschaftlich Abgehängten mit dem Lebensabriss einer verblühten Kiez-Schönheit, die in dem Imbiss Borstelgrilleck buchstäblich ganz unten, nämlich im Keller landet. In Andersrum unternimmt ein Mann einen körperlichen Veränderungsprozess wahr. Er endet damit, dass bei ihm „der Arsch vorn und der Schwanz hinten ist“. Am Strand der Versehrten auf Usedom liegen gehandicapte Senioren herum „wie die Opfer eines Gasangriffs“. Andere Texte sind nur ein, zwei Seiten lang. Es sind Impressionen, etwa von Nutten mit Kaffeefahne oder von einem schlimmen Traum, an dessen Ende der Träumende folgendes Fazit zieht: „Mit nichts auf die Welt gekommen und mit nichts verlässt man sie, das ist ja klar. Aber so?“

„Gleichmut gegenüber der Sinnlosigkeit des Lebens“

Der Mensch in seiner Körperlichkeit ist ein weiteres großes Thema von Strunk. Der Verfall ist allumfassend. Nicht nur die Psyche, auch der Körper ist Strunks Blick gnadenlos ausgeliefert. Eine gealterte Jugendliebe wird wie folgt beschrieben: „Ihr Rücken fühlte sich zwischen den Schulterblättern knotig an, aber besonders abtörnend war die Haut, farblos wie Schneckenfleisch, mehlig und mürbe, wie geschmolzenes Kerzenwachs. Saß auf den Knochen wie Kaugummi und ließe sich sicher leicht abziehen, so empfand er das.“
 
Strunk blickt erbarmungslos in die menschlichen Abgründe, hinter die Hüllen und Fassaden des Daseins, immer mit einem gewissen „Gleichmut gegenüber der Sinnlosigkeit des Lebens“, wie es in einer Geschichte heißt. Es ist keine erheiternde Lektüre. Dazu wird der Mensch in seiner ganzen Limitiertheit und existenziellen Schäbigkeit zu sehr entblößt. Strunk stellt seine Figuren jedoch nicht exhibitionistisch aus, sondern richtet seinen Blick lediglich genau dorthin, wo wir meistens wegschauen, und beschreibt das, was er sieht, grausam lakonisch und nüchtern.
 
Rosinenpicker Strunk, Heinz: Das Teemännchen
Reinbek: Rowohlt, 2018. 208 S.
ISBN: 978-3-498-06449-5

Zurück zur Startseite

Top