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Julius Fischer
Hassgeschichten von der Deutschen Bahn

Der Slam-Poet, Kabarettist und Moderator Julius Fischer hat ein Buch darüber geschrieben, was die Menschen so hassenswert macht. Es beginnt alles mit einer Möhre – in einem Abteil der Deutschen Bahn.

Von Holger Moos

Ich hasse Menschen © Voland & Quist Wer Menschen schlecht ertragen kann, für den sind Bahnreisen die Hölle. Allein die Geräuschkulisse in einem Wagen der Deutschen Bahn kann sehr vielgestaltig sein und bietet ausreichend Erregungspotenzial. Bei Julius Fischer sind es zunächst weder laut telefonierende Geschäftsleute, den Betrieb aufhaltende Pensionärinnen und Pensionäre noch heulende Kinder, die ihm den letzten Nerv rauben, sondern ein Mitreisender, der in seinem Abteil sehr geräuschvoll Möhren knabbert. Dieses Erlebnis mündet in die titelgebende Erkenntnis: Ich hasse Menschen.
 
Dem Untertitel Eine Abschweifung wird das Buch ebenfalls gerecht, denn es gilt der bekannte Grundsatz: Der Weg ist das Ziel. Die Zugfahrt führt den Reisenden weniger an einen konkreten Ort, das schon auch, aber im Grunde führt sie ihn überall hin, zum Beispiel in seine Vergangenheit: „In Dresden aufzuwachsen war nicht leicht. Es gab im Grunde genommen nur drei Möglichkeiten: Man wurde entweder Nazi oder drogenabhängig oder man zog weg.“

Pegida, Ultras, Muslime

Julius Fischer zog dennoch nach Dresden. Doch weder die Bahn noch die Vergangenheit lassen ihn los. Er erinnert sich an den Dynamo Dresden-Ultra Enrico, einen Bekannten aus der Schulzeit. Obwohl dieser ganz gut in das Profil der „besorgten“ Bürger rings um die Pegida-Bewegung passen würde, hält Enrico Pegida-Anhänger für Idioten, die sich in brenzligen Situationen immer schnell aus dem Staub machen. Gegen Muslime hat er nichts: „Ich bin nor ni ma in der Kürsche. Und grundsätzlich haben wir Ultras ooch erst mal nüscht gegen Vermummung.“
 
Von Pegida und den Ultras ist es nicht weit zu altersgemäßem Essverhalten: Als Zwanzigjähriger esse man noch bedenkenlos Cheeseburger, mit 25 gehe man dann brunchen, wohingegen der Champagnerimbiss „so ein Ü-30-Ding“ sei. Fischers Menschenhass lässt fast niemanden aus, er hasst Jogger, „die Porschefahrer unter den Fußgängern“, Studenten, Rentner, Eltern, Kinder (er hat ja noch keine eigenen) und viele mehr.

Finale mit Peggy aus Dresden

Fischer sinniert über seine frühen Poetry-Slam-Jahre, als das noch etwas ganz anderes als heute gewesen sei, „wo man mit perfekt performter Poppoesie Millionen verdienen kann“. Da war einmal ein Wettbewerb, in dessen Finale er – ihm absolut unverständlich – gegen eine gewisse Peggy aus Dresden verlor, die Blumengedichte vortrug. Deren Freunde applaudierten  aber, als habe Peggy ein Mittel gegen Krebs erfunden, während seine Freunde bei der Abstimmung wohl auf der Toilette koksten.
 
Nun fährt er nach Köln, das für Fischer ebenso hassenswert ist wie seine Mitmenschen: „Alles an Köln stört mich. Das Bier. Die Sprache. Die gute Laune. Da lasse ich mich lieber von einem Berliner Taxifahrer bescheißen, als in Köln in die Kneipe zu gehen.“ Dort erwartet ihn ein Literaturagent, der ihn als den lustigen Dicken vermarkten will. Auch diese Tatsache ist nicht dazu angetan, seinen Hasspegel zu senken.

Misanthropie mit Humor nehmen

Den Kern des Buches bilden die bereits seit ein paar Jahren vorgetragenen Texte seiner Live-Lesungen, in denen Fischer die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen, inklusive seiner eigenen, vorführt. Die Idee, diese unzusammenhängenden Texte zu verbinden, stammt von seinem Freund Marc-Uwe Kling, wie Fischer in seinen Dankesworten erwähnt. Doch auch der Dank enthält eine gesunde Portion misanthropische Undankbarkeit: „Es hätte so leicht sein können, dreißig Geschichten hintereinander ins Buch gepanscht […]. Ein Tag Arbeit wäre das gewesen. Und im Resultat wahrscheinlich ähnlich. Aber nein, da kamst du mit dieser Idee, und zack, war ich ein halbes Jahr beschäftigt. Penner!“
 
Fischers von der Deutschen Bahn zusammengehaltenen Abschweifungen funktionieren jedenfalls und beweisen, dass man Misanthropie am besten mit Humor nimmt.
 
Rosinenpicker Fischer, Julius: Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung
Dresden: Voland & Quist, 2018. 160 S.
ISBN: 978-3-863911-96-6
Hörbuch erschienen beim Audio Verlag (ISBN: 978-3-7424-0661-3)

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe (auch als eAudio)

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