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André Georgi
Fast nur Verlierer

Wer erschoss den Treuhand-Chef? Und wer dirigierte den Finger am Abzug? André Georgi präsentiert eine hochspannende und düstere Fiktion aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung.

Von Marit Borcherding

Die letzte Terroristin © Suhrkamp Georgi, erfolgreicher Drehbuchschreiber für den Tatort und andere Filme mit Krimiplot, ist kein Mann für gemächliche Einführungen. Atemlos zwischen den Szenen hin- und herspringend, schildert er auf den ersten Seiten seines Thrillers Die letzte Terroristin die kaltblütige Ermordung eines hochrangigen bundesdeutschen Bankiers – mit unverkennbaren Parallelen zum terroristischen Attentat auf den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen im Jahr 1989.
 
Die Verzweiflung von Georgis Ermittler Andreas Kawert spiegelt auch gesellschaftliche Stimmungen: „Oben auf dem Brief prangen der rote Stern und das Sturmgewehr. Darunter bekennt sich das Kommando Holger Meins zu dem Attentat. Kawert [...] schaut zurück auf das Desaster hinter ihm, auf den völlig zerstörten Wagen, auf Wegners halb von Kawerts Mantel bedeckte Leiche. Noch nie in seinem Leben – noch nie – hat Kawert sich so sehr wie ein Versager gefühlt.“ Er wird bald ein weiteres Mal zu spät kommen, um noch etwas retten zu können.

Doppeltes Spiel

Anderer Schauplatz, andere Figuren: Sandra Wellmann, studierte Juristin, alleinerziehende Mutter des zehnjährigen Markus, absolviert ein Vorstellungsgespräch. Mit Erfolg. Doch bald ist klar: Sie betreibt ein doppeltes Spiel. Sie ist die letzte Terroristin, gelenkt von fanatisierten Gesinnungsgenossen und -genossinnen. Und sie wird Assistentin des Chefs der deutschen Treuhand. Der heißt hier Dahlmann und ist Detlev Karsten Rohwedder nachempfunden, jenem Treuhand-Präsidenten, der dieses Amt im Januar 1991 antrat und der im April des gleichen Jahres mit einem Präzisionsschuss durch ein Fenster seines Düsseldorfer Wohnhauses ermordet wurde.
 
Die Terrorgruppe „Rote Armee Fraktion“ bekannte sich zu der Tat, der tatsächliche Schütze ist bis heute nicht gefunden. Eine Ermittlungslücke, in die André Georgi äußerst gekonnt seinen fiktiven Politthriller um die dritte Generation der RAF, um kapitalistisch-rücksichtsloses Gebaren nach der Wiedervereinigung und die Grenzen kriminalistischer Ermittlung platziert. Immer weiter im rasanten Wechsel der Perspektiven, mal durchaus im ironisch-ruppigen Ton, mal leise empathisch verfolgt der Autor die tödlichen Spuren, die eine zwischen Abgebrühtheit und leisen Skrupeln schwankende Terrorgruppe hinterlässt.
 
Georgi bringt die Stasi und ihre profund ausgebildeten Schützen ins gewalttätige Spiel, und er lässt einen dubiosen Genfer Wirtschaftsanwalt mit besten Beziehungen auftreten. Die Figur des Dahlmann entpuppt sich im Laufe des Romans als jemand, nach dessen Willen die schlimmsten ökonomischen Verwerfungen in der ehemaligen DDR verhindert werden sollten, was vielen nicht gefällt. Die auf ihn angesetzte Sandra verliert mehr und mehr ihre Gewissheiten, wer auf der richtigen und wer auf der falschen Seite der Geschichte steht: „Hier sind wir also, haben erreicht, was wir wollten, der Sack ist tot. Aber der Sack war vielleicht gar kein Sack, und was wir wollten, war vielleicht falsch. Oder vielleicht ganz sicher falsch. Und vielleicht gibt es nichts Schlimmeres als unsere Ziele zu erreichen.“

Nachwirkungen der Gewalt

Obwohl durch die Anlehnung des Romans an die historischen Ereignisse in der Nachwendezeit klar ist, wie alles enden wird, packt einen die Geschichte bis zum Schluss. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Georgi immer wieder eindrucksvoll auf die Nachhaltigkeit der Gewalt verweist, die das Leben aller, Schuldiger wie Unschuldiger, unwiederbringlich beschädigt: „Sandra sieht nicht mehr, dass Markus aus dem Gerichtssaal flieht, weg von seiner Mutter, die er sein Leben lang nicht mehr wiedersehen wird. Als sie aus dem Gefängnis entlassen wird, vorzeitig, wird Markus so alt sein wie sie jetzt. Er wird seinen Namen gewechselt haben, und nach einer erfolglosen Therapie wegen Depressionen [...] wird er als drittklassiger Journalist in Hamburg leben und im Grunde nur versuchen, das Leben seiner Eltern zu verstehen.“ Traurig-nüchterner kann man das fatale Wirken des terroristischen Personals kaum auf den Punkt bringen.
 
Wer sich nach dem Pageturner-Leseerlebnis kompakte Aufklärung über die historischen Fakten jenseits der Fiktion wünscht, findet die im Buch Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt der Zeithistorikerin Petra Terhoeven. André Georgis Buch ist zudem unter dem Titel Der Mordanschlag mit Ulrich Tukur und Petra Schmidt-Schaller verfilmt worden, der Zweiteiler lässt sich bis Mai 2019 in der ZDF-Mediathek abrufen.
 
Rosinenpicker André Georgi: Die letzte Terroristin
Berlin: Suhrkamp, 2018. 361 S.
ISBN: 978-3-518-46780-0
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Petra Terhoeven: Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt.
München: C.H. Beck, 2017. 128 S.
ISBN: 978-3-406-71235-7
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe
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