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Alexander Grau
Kulturpessimismus forever

Kulturpessimismus war einst ein wirkmächtiger philosophieähnlicher Überbau für übelgelaunte Miesepeter. Heute ist deren Grundeinstellung nicht kompatibel mit der vorherrschenden Ideologie der (Selbst-)Optimierung. Zeit für eine Rehabilitation des Kulturpessimismus.

Von Holger Moos

Grau: Kulturpesimismus © zu Klampen In einer sehr interessanten Essay-Reihe des zu-Klampen-Verlags erschien zuletzt ein Plädoyer für den Kulturpessimismus, verfasst von Alexander Grau. Er hat Philosophie studiert und arbeitet als Publizist. Seit 2013 verfasst er für die Online-Ausgabe der Zeitschrift Cicero Kolumnen. Bereits 2015 ging er in einer dieser Kolumnen der Frage nach, warum es keine Kulturpessimisten mehr gibt, und kommt zu dem Schluss: „Der traditionelle Kulturpessimismus war das Kind einer homogenen Bildungslandschaft mit verbindlichen Normen und Werten. Dieses monolithische Ideal einer normgebenden Kultur, die der Maßstab ist für Aufstieg und Untergang, ist unter der Pluralisierung der westlichen Gesellschaften pulverisiert.“
 
In seinem Buch hat er diese These nun ausgebaut. Kulturpessimismus – oder Kulturkritik in der Nachfolge Adornos – war früher eine aufklärerische Mission der politischen Linken: „Doch die Linke hat ihren Frieden mit der Massenkultur gemacht, mit den Zumutungen der elektronischen Medien und der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche.“

handfester Verlust an Menschlichkeit

Nach Grau ist Kulturpessimismus eine Konsensstörung. Die sei aber heute unerwünscht. Angesichts der „bedingungslosen Affirmation des Vorhandenen“ sowie der „Verklärung und Feier der Diesseitigkeit“ gebe es keine metaphysische Revolte á la Camus mehr. Postkulturalität werde als Multikulturalität verkauft, aber eigentlich sei ein echter Kulturverlust eingetreten, „ein handfester Verlust an Menschlichkeit“.

„Kultur ist konservativ“ schreibt Grau zu Beginn des ersten Kapitels mit dem viel sagenden Titel „Nach der Kultur“. Sie leiste „Kontingenzbewältigung“ und versuche, die Welt übersichtlich und handhabbar zu machen. Aber Kultur sei labil und stets bedroht durch das Chaotische und das Fremde. Darum würden viele Normen gesetzt: „Kultur besteht ganz wesentlich aus Normierung, Kanonisierung und Standardisierung“ – und damit natürlich auch aus der Exklusion dessen, was außerhalb der Normen liegt.

Postkultur generiert keine Inhalte

Hochkulturen seien jedoch dynamisch, und das sei nicht vereinbar mit dem Bewahren von Kultur. Heute sind wir nach Grau längst im Zeitalter der Postkulturalität angekommen. In der Kunst herrsche etwa ein unbedingter Wille zum Avantgardismus, das führe jedoch zur Selbstaufhebung. Avantgarde werde eins mit dem Trash der Massenkultur. Generell gelte: „Die postkulturelle Gesellschaft ist nicht mehr in der Lage, Inhalte zu generieren.“ Das Verschwinden von Kultur sei die Bedingung des Entstehens einer Weltkultur gewesen, die Menschen jedoch nur mehr eine „Gegenwartsblase“ biete.
 
Grau arbeitet sich an vielen Theoretikern ab, die bekanntesten sind Gustave Le Bon, José Ortega y Gasset und eben Adorno. Doch am Ende münde das Denken all dieser Kulturpessimisten bzw. -kritiker (Grau verwendet dieses Begriffe synonym) in „methodischem Eskapismus und eine Geschichtsmetaphysik des Niedergangs“.

In Zeiten der Postkultur sei alles fragmentiert und es gebe keinen normativen, homogenisierenden Halt mehr. Es existierten nur noch Subkulturen, die Kultur imitierten, am Ende jedoch nur dem Augenblick und jeweiligen Milieu verpflichtet seien. Aber: „Eine Kultur, die sich im Gegenwärtigen erschöpft, ist keine mehr.“ Ob das im Zeitalter der so genannten Hochkultur wirklich anders war, ist allerdings fraglich.

Maßloser Selbstbetrug

Das postkulturelle Subjekt sei narzisstisch und kulturunfähig, es strebe nach einem hedonistischen Leben und nach Einzigartigkeit. „Das ist der einfache Grund dafür, dass Eigenschaften wie Phantasie  und Kreativität in Selbstverwirklichungsgesellschaften einen geradezu sakralen Status genießen.“ Der narzisstische Wunsch nach Einzigartigkeit sei aber ein maßloser Selbstbetrug. Daher gelte für den postkulturellen Menschen eine Einschätzung des Misanthropen Emil M. Cioran: „Leben heißt blind sein gegenüber seinen eigenen Dimension.“

Heute wird man als Kulturpessimist schnell in die rechte Ecke gestellt. Das liegt auch nahe, weil sich rechtsnationale Kreise als Bewahrer und Retter einer wie auch immer gearteten (National-)Kultur und als Irritation des Mainstreams verstehen. In der Welt sieht Marc Reichwein genau darin eine Schwäche von Graus Buch: Der Autor gehe zu wenig auf das Comeback dieser Art von Kulturpessimismus ein.

Streckenweise, insbesondere in den Kapiteln „Fortschritt“, „Niedergang“, „Postkultur“, ist der Stil zwar sehr akademisch und die Verweise auf mal mehr, mal weniger bekannte Theoretiker dementsprechend zahlreich. Insgesamt ist Graus Plädoyer aber aufgrund seines Gedankenreichtums sehr anregend und zum größten Teil gut lesbar. Das Schlusskapitel bietet gleichwohl wenig Trost. Denn auch der empfohlene aufgeklärte Kulturpessimismus vermöge den Verlust von Kultur nicht rückgängig zu machen, aber vielleicht kann er wenigstens das Projekt Aufklärung als Emanzipation von allen, auch den eigenen Glaubensgewissheiten am Leben erhalten.
 
Rosinenpicker Grau, Alexander: Kulturpessimismus. Ein Plädoyer
Springe: zu Klampen Verlag, 2018. 157 S.
ISBN:  978-3-86674-582-7
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