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Reportagen
Ein Magazin „für erzählte Gegenwart“

Geht das heute noch? Eine Zeitschrift, die auf noch schönere und noch größere Fotos komplett und auf Werbung weitgehend verzichtet? Aus der Schweiz kommt seit nunmehr acht Jahren alle zwei Monate ein solches Magazin – es enthält einfach nur verdammt gut geschriebene Reportagen.

Von Holger Moos

Reportagen #46 © Puntas Reportagen AG In vielen Magazine ist immer weniger deutlich, wo die Werbung beginnt und der Inhalt endet – oder auch umgekehrt. Das Magazin Reportagen allerdings stemmt sich gegen die dominanten Trends der Visualisierung und Kommerzialisierung des Journalismus. Es gilt die Devise „lesen statt blättern“, wie es Magazingründer Daniel Puntas Bernet in einem taz-Interview formuliert.
 
Die aktuelle Ausgabe (#46 Leser erzählen / Mai 2019) ist ganz seinen Leserinnen und Lesern gewidmet – und zwar wörtlich genommen. Reportagen hat seine Leserschaft gebeten, selbst erlebte Geschichten einzuschicken. Die Redaktion wählte anschließend 17 Geschichten aus, die von jeweils einem ihrer Autor*innen erzählt wurden. Entstanden sind Texte über Verluste (ein Leser verliert seine Tochter aus den Augen, ein anderer verliert die Sprache, einer sammelt aus Angst vor Verlusten alles Mögliche, Türkeile, Schlüssel, Vermisstenanzeigen usw.), Verwandlungen (vom Nazi zum Sozialarbeiter, vom Hetero- zum Homosexuellen) sowie große und kleine Veränderungen.

Pauschale Urteile sind wie lausige Boxer

„Pauschale Urteile sind in der Regel wie lausige Boxer. Schnell gefällt und danach nutzlos“, so beginnt eine der Reportagen. Das könnte auch ein Motto des Magazins sein. Eventuell zulässige, aber nutzlose Verallgemeinerungen sind nicht das Ziel. Vielmehr wird in jedem Text genau hingeschaut, meistens auf den einzelnen Menschen, die individuelle Geschichte.

Die Reporter*innen sind keine allwissenden, alles könnenden Erzähler*innen. Auch sie scheitern bisweilen an ihren Aufgaben. So berichtet Christian Schmidt in Heft #45 von seinem Besuch bei den Tendai-Mönchen in der Nähe von Kyoto. Da der Autor selbst dem Tod nahe gekommen war, interessiert er sich für diese Mönche, glaubt sich ihnen verwandt. Die Mönche pflegen ein Ritual, sie müssen in sieben Jahren einen Berg 1000 Mal umrunden und dabei immer nachts eine Strecke von 30 bis zu 84 Kilometern zurücklegen. Ein extrem asketisches Vorhaben, das ihnen Erleuchtung bringen soll. Doch dem Reporter gelingt keine Annäherung an die Mönche, er gesteht am Ende: „Mein Wunsch, mehr über das Thema Erleuchtung zu erfahren, ist vorläufig gescheitert.“

Es geht um Lichtblicke

Eine weitere besondere Qualität des Magazins ist der kritische, aber respektvolle, lebensbejahende, niemals herablassende Stil, in dem die Reportagen verfasst und die Menschen beschrieben werden. Es geht den Blattmachern nicht darum, die Welt zwecks Dramatisierung in noch düstereren Farben zu zeichnen, sondern Lichtblicke zu finden.

Durch alle Zweifel, Ängste, Verletzungen und Enttäuschungen schimmert die Hoffnung, wie etwa in der Reportage über eine Zugreise von Bagdad nach Basra, der aktuell einzigen Zugverbindung im Irak. Der 59jährige Zugführer Ali hat, obwohl er den Beruf seit über 30 Jahren ausübt und miterleben musste, wie der Zugverkehr im Irak auf diesen Pendelzug zwischen genau zwei Orten reduziert wurde, immer noch eine Vision von einer besseren Zukunft für sein Land: „Die Leute müssen wieder von Basra nach Mossul fahren können, und am besten noch weiter. Vielleicht wäre es ein guter Anfang, das Schienennetz im Irak auszubauen.“
 
Also schnell noch in die nächste gut sortierte Buchhandlung, die aktuelle Ausgabe kaufen und genießen, denn am 6. Juni erscheint schon die nächste.
 
Rosinenpicker Reportagen (Erscheinungsweise: 6 Ausgaben pro Jahr)
Bern: Puntas Reportagen AG
ISBN der Ausgabe #46 (Mai 2019): 978-3-906024-45-5

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