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Julia Bernhard
Reden ist Silber …

Gelingende Kommunikation ist nicht unbedingt die Regel im zwischenmenschlichen Austausch. Julia Bernhard, Grafikerin und Illustratorin, belegt dies zwingend in Bild und Text. Am Ende hilft die Flucht auf die Couch, aber ganz anders, als man es erwartet.

Von Holger Moos

Bernhard: Wie gut, dass wir darüber geredet haben © avant-verlag Julia Bernhards Comicdebüt Wie gut, dass wir darüber geredet haben vorangestellt ist das bekannte Zitat aus dem Song Das Ende der Beschwerde von Peter Licht: „Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären.“ Und um die Erwartungen der Gesellschaft, also der „Leute“, gerade an junge Frauen geht es der Zeichnerin, wie sie in einem Interview mit dem Onlinemagazin jetzt sagt.
 
Der Episodencomic besteht aus zehn Momentaufnahmen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Als Enkeltochter leidet die Protagonistin unter den endlosen Vorhaltungen und Erniedrigungen, die ihre Oma ihr entgegenschleudert. Dann muss sie sich die Beziehungsprobleme einer Freundin anhören. Als sie deren Kummer ernst nimmt, heißt es prompt, sie sei ein verbitterter Single.

Das Hohelied der Liebe aus der Sicht eines Mopses

Ungewöhnlich ist die Interpretation des 1. Korintherbriefs aus der Bibel, insbesondere des Hohelieds der Liebe, durch einen kackenden Mops, der mit seiner Anthropomorphisierung hadert. Auch die Beschwerden einer vernachlässigten Zimmerpflanze, gerichtet an ihre Besitzerin, hat man so noch nicht gesehen oder gelesen.
 
In den anderen Episoden geht es ebenfalls um Menschliches, Allzumenschliches. „Eigentlich sucht man doch nur jemanden, der nicht aus Mitleid weint, wenn man sich vor ihm auszieht“, heißt es in einem Selbstgespräch mit einem Toaster, der langsam abfackelt. Oft sind es Monologe, mit denen die Hauptfigur konfrontiert ist, auch die Dialoge haben schnell etwas Monologisches. Da ist eine Liebhaberin, die auf keinen Fall eine Beziehung möchte („Emotionale Bindung behindert mich total in meiner Entwicklung. So als Individuum, verstehste?“), oder ein Date, von dem sie ebenfalls eine Abfuhr bekommt („Daten ist wie Wahlkampf. Da erzählt man halt, was der andere hören will.“).

Eat. Shit. Die

Bernhard hat für ihren Comic bereits einige Auszeichnungen bekommen. Sie wurde Finalistin beim Comicbuchpreis der Leibinger Stiftung 2019. Beim Designpreis Rheinland-Pfalz 2018 gewann sie in der Kategorie Design Talent. Im Jurystatement wird der reduzierte, aber dennoch ausreichend detaillierte zeichnerische Stil gelobt, jeder Strich sitze. Es heißt weiter: „Ebenso sitzen die Pointen oder eben das Auslassen einer Pointe. So verloren wie die Protagonistin werden die Leser und Leserinnen auf der Strecke gelassen, nur um auf der nächsten Seite wieder aufgefangen zu werden. Dann wird eine weitere tragisch-komische Begegnung mit sich oder anderen gemeistert. Oft mithilfe vom Abdriften ins Kopfkino, surreale Momente in denen man sich, freudig beschämt, wiederfindet.“
 
Die junge Frau, die sich in Zwischenbildern in unterschiedlichen Positionen auf einer Couch fläzt, wälzt oder zu entspannen versucht, bildet den Rahmen der Episoden. Über der Couch hängt ein Poster mit dem bezeichnenden, weil illusionslosen Aufdruck „Eat. Shit. Die“. Wenn sich diese Figur im letzten, textlosen Kapitel ihrer Couch ganz und gar ergibt, möchte man ihr, sofern man in der entsprechenden misanthropischen Stimmung ist, am liebsten sofort hinterherkriechen.
Bernhard: Wie gut, dass wir darüber geredet haben, S. 16-17 © Julia Bernhard / avant-verlag
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Bernhard, Julia: Wie gut, dass wir darüber geredet haben
Berlin: avant-verlag, 2019. 96 S.
ISBN: 978-3-96445-014-2 

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