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Thomas Meyer
Mit Wahnwitz gegen die Hassmaschine

Motti ist wegen einer Affäre mit einem nicht jüdischen Mädchen zu Hause rausgeflogen. Als Mitglied einer jüdischen Weltverschwörungstruppe begegnet er erneut einer Schickse – einer attraktiven Nazischickse mit Mordauftrag.

Von Swantje Schütz

Meyer: Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin © Diogenes Die Familie von Mordechai, kurz Motti, hat ihren Sohn aus ihrem frommen, jüdischen Leben in Zürich verbannt. Daraufhin bekommt Motti in seinem Hotelzimmer Besuch aus Israel von einem Herrn Hirsch. Der will ihn für die Organisation „Verlorene Söhne Israels“ anwerben, eine „Gruppe von Jidn, die nicht mehr orthodox leben und deren Familien deswegen mit ihnen gebrochen haben“.

Gegenwehr aus dem Bergstollen

Kurz darauf findet sich Motti mit einigen Schicksalsgenossen in einem Kibbuz außerhalb von Tel Aviv wieder. Diese sind allerdings noch sehr weit von ihrem Ziel entfernt, die Herrschaft des Weltjudentums deklarieren zu können. Aber dafür ist ja jetzt Motti da. Er übernimmt sogar den Vorsitz der Gruppe und muss ihnen erst einmal verklickern, dass einer ihrer besten Agenten, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schon mehr als fünf Jahre tot ist.

Der abwegige Irrsinn nimmt seinen Lauf. Denn parallel arbeiten in einem bayerischen Bergstollen die seit dem Zweiten Weltkrieg abgeschotteten Nazis und ihre Nachfahren daran, ebenfalls die Weltherrschaft an sich reißen zu können. Mithilfe eines Hasscomputers, den sie neben einem „Volksrechner“ (Laptop) und einem „Volksrechnerlein“ (Mobiltelefon) entwickelt haben, wollen sie den Dritten Weltkrieg gewinnen.

Krieg der Maschinen

Es kommt dann aber nur zu einem Krieg der verbalen Art und zwar zwischen Maschinen: Die Truppe um Motti knöpft sich die digitale Assistentin „Alexa“ vor und programmiert sie um. Nach Mottis Mutter benannt, konzentrieren sich „Schoschannas“ Empfehlungen von nun an auf jüdische Musik und Restaurants, koscheres Essen usw. „Schoschanna“ und ihr Gegner, die „Hassmaschine“, liefern sich mehr und mehr nicht nur die fiesesten Wortgefechte, sondern bringen die Welt durch politische Fake News gehörig ins Wanken.

Aber bitte mit Witz

Nach Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse (2012) hat der Schweizer Autor Thomas Meyer 2019 den zweiten Band um den Juden Motti Wolkenbruch aus Zürich geliefert. Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin ist ein großartiges Buch über Rassismus und ganz nebenbei auch über das aktuelle Weltgeschehen (es ist auch als vom Autor gelesenes Hörbuch erschienen). Zahlreiche aberwitzige Passagen, geistreiche Ideen und Wortspäße lassen auf eine unerschöpfliche Fantasie des Autors schließen – und auf ein ganz feines und spitzbübisches Gespür für Gewitztes. Von der ersten bis zur letzten Seite ein wunderbares Lesevergnügen für Liebhaber von schwarzem Humor. Zu glauben, man hätte jetzt wirklich, nein, jetzt aber wirklich den Höhepunkt des Absurden erreicht, lässt einen immer wieder überrascht und vergnügt weiterlesen. Ich wäre bereit für Band drei, bitte mehr!
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Thomas Meyer: Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin
Zürich: Diogenes, 2019. 288 S.
ISBN: 978-3-257-07080-4

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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