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Leona Stahlmann
Anders lieben ist kein Defekt

Minas Art zu lieben ist anders als die der anderen. Leona Stahlmann beschreibt in ihrem Debüt ein Verständnis von Sexualität, Heimat und Identität, das von der Norm abweicht. Dabei taucht sie tief in die Natur des Menschseins ein.

Von Jana Schrader

Stahlmann: Der Defekt © Kein & Aber Alles hat seine Ordnung in dem Dorf im Schwarzwald, in dem Mina aufwächst. Man passt sich an, um dazuzugehören. Mina aber ist anders. Anzeichen dafür zeigen sich schon früh. Die Kräuter, die im Salat ihrer Mutter landen, interessieren sie nicht. Ihre Aufmerksamkeit gilt einer Pflanze, die ihr beim Berühren die Hände verbrennt. Die Schmerzen, die die Brennnessel verursacht, lassen sie gleich noch einmal zupacken.

Es ist Sommer, als sie Vetko näherkommt, dem Außenseiter in ihrer Klasse. Wenn er sie in Unterwäsche auf einem Feld knien lässt und sich scharfe Stoppeln in ihre Knie pressen, wenn er ihr beim Küssen den Kopf an den Haaren in den Nacken reißt oder ihr ätzende Flüssigkeiten auf die Zunge träufelt, dann spürt sie Lust und Verlangen nach mehr.

Auf der Suche nach Heimat und sich selbst

In ihrem Debütroman Der Defekt erzählt Leona Stahlmann von der Natur des Menschen und den Dingen, die tief in uns sitzen und uns zu denen machen, die wir sind. Mina ist ein ganz gewöhnliches Mädchen, die Lust am Schmerz ist ein untrennbarer Teil von ihr. Ihre Beziehung zu Vetko ist keine, die auf gegenseitiger Anziehung beruht. Stattdessen fallen Mina immer wieder jene Dinge an ihm auf, die sie abstoßen, während er an ihr genau nach diesen sucht. Aber sie geben einander, was sie wollen. Mina will sich unterwerfen, will eine klare Linie in ihrem Leben, an der sie sich entlanghangeln kann. Unterwürfigkeit und Gehorsam sind wichtige Begriffe in ihrem Wortschatz.

In einer lyrischen und bildreichen Sprache verbindet Stahlmann Minas „Defekt“ mit der Natur und kontrastiert ihn gegen die Welt des Dorfes. Dort der wilde unerforschte Wald, da der Plan, die Douglastannen zu fällen, um diese nicht-deutschen Eindringlinge aus der Landschaft zu entfernen. Durch derlei kleine Einwürfe gelingt es Stahlmann, ein Stück Gegenwartspolitik in ihre Handlung einzuflechten. Die Probleme, mit denen sich die Figuren herumschlagen, sind ganz gewöhnlich für diese Generation. Man sucht sich selbst, wünscht sich feste Strukturen und manche zerbrechen unter dem Druck von außen.

Auf der anderen Seite unterliegt der erste Teil des Romans einer Art Zeitlosigkeit. Die Uhren scheinen im tiefen Schwarzwald langsamer zu ticken, man grenzt sich ab. Und so reicht das Thema Abgrenzung über die Sexualität hinaus, greift über auf Themen wie Heimat, Identität, Entwurzlung. Im Dorf leben die immer gleichen Menschen, bis auf Vetkos Bruder Miro geht niemand weg.

Das ändert sich im zweiten Teil: Mina und ihre Klassenkamerad*innen verlassen das Dorf, suchen nach der weiten Welt. Auch der Blick des Romans weitet sich. Wurde zuvor allein aus Minas Perspektive berichtet, kommen nun auch andere Charaktere zu Wort. Nur Vetko bleibt zurück. Heimat bedeutet für ihn, nie fortgehen zu müssen. Leider ist dieser zweite Teil weniger gut gelungen als der erste. Stahlmann ist immer dann am stärksten, wenn sie mit Mina nach dem Grund für ihr Anderssein sucht, sie abwechselnd dagegen kämpfen und hineinsinken lässt.

Freiheit durch Grenzen finden

Minas Art zu lieben wird als BDSM bezeichnet und trifft meist auf eine eher abwehrende Haltung  – BDSM ist eine Abkürzung, in der die Begriffe Bondage und Disziplin (B & D), Domination und Submission (D & S) sowie Sadismus und Masochismus (S & M) vereint sind. Mit Literatur wird dieses Feld eher selten zusammengebracht, vielmehr denkt man an populäre Bestseller wie Fifty Shades of Grey, welche diese Sexualität als etwas Unnormales zeichnen. Bei Stahlmann hingegen erscheint sie ganz natürlich. Die besagte Abkürzung wird nie ausgesprochen. Vielmehr erscheint diese Form der Sexualität als etwas, das man ganz unterschiedlich definieren und leben kann, wie sich nicht nur am Bespiel von Vetko und Mina zeigt. Lederne Gesichtsmasken und Peitschen stoßen Mina ab. Stattdessen findet sie etwas, das ihr Halt gibt und sie befreit: Indem sie sich freiwillig eigenen Regeln unterwirft, entkommt sie den von der Gesellschaft aufgezwungenen Normen und Werten.

Es wäre falsch, dieses ungewöhnliche Debüt auf das Thema BDSM zu reduzieren, denn es geht um so viel mehr: Heimat, Liebe, Dazugehören. Vor allem aber geht es darum, die eigene Identität zu finden, innerlich wie äußerlich.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Leona Stahlmann – Der Defekt
Zürich: Kein & Aber, 2020. 272 S.
ISBN: 978-3-0369-5821-7

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