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Amanda Lasker-Berlin
Noch einmal Schwestern sein

Früher hielten die drei Schwestern zusammen, doch das Leben hat sie auseinander getrieben. Eine Wanderung durch das Moor soll die Kluft überwinden. Im Gepäck haben sie Erinnerungen an die geteilte Vergangenheit und ihre Gegenwart. Um sie herum nichts, was sie halten kann.

Von Jana Schrader

Lasker-Berlin: Elijas Lied © Franfurter Verlagsanstalt Die drei Schwestern Elija, Noa und Loth sind jede auf ihre Art Außenseiterinnen der Gesellschaft. Elija, die älteste, schon seit ihrer Geburt: Sie ist mit Trisomie auf die Welt gekommen. Heute lebt sie in einer Wohngemeinschaft in Berlin und arbeitet als Theaterschauspielerin. Ihr aktuelles Stück handelt von Hagar, der ägyptischen Magd Saras aus dem Alten Testament der Bibel. Weil Sara keine Kinder bekommen kann, soll Hagar ihrem Ehemann Abraham eines gebären. Die Geschichte geht Elija sehr nahe, denn ihr Bauch ist zerschnitten und ihr Körper wird nie Leben geben können.

Noa lebt in Hamburg und übt mehrere Berufe aus, von denen die Arbeit in der Kantine im Bürogebäude ihres Freundes Akim noch die gewöhnlichste ist. Nachmittags geht sie als Sexualbegleiterin in Pflege- und Altenheime. Sie hat ihre Tätigkeiten selbst gewählt, aber zugleich ist sie ständig auf der Suche nach sich. Sie, die anderen mehr gibt als sie zurückbekommt, sucht nach ihrer Reflexion in spiegelnden Oberflächen.

Loth, die jüngste, hatte einmal bunte Haare und wollte studieren. Jetzt wohnt sie in einer Gemeinschaft, die sich als Patrioten bezeichnet, lädt Videos hoch, in denen sie rechtsradikale Parolen skandiert und verbotene Lieder singt. Mit Gleichgesinnten hängt sie heimlich Plakate auf und wirft Steine auf ausländische Läden. In sich trägt sie eine große Wut und einen Hunger, den sie nicht mit Essen stillen will. Aber ihr ausgemergelter Körper muss doch allen gefallen und sie kennt als eine der wenigen die wirkliche Wahrheit, oder?

Kann man zusammenfinden, wenn so viel trennt?

Einen Tag lang lässt Amanda Lasker-Berlin die drei unterschiedlichen Frauen in ihrem Debütroman Elijas Lied durch das Moor auf einen Berg steigen. Die Wandertour war Loths Idee, die beiden anderen haben nach langem Zögern zugesagt. Seit Jahren liegt der Kontakt zwischen ihnen brach, mit den jeweils anderen können sie wenig anfangen. Jede ihrer Lebenswege und –einstellungen ist hochaktuell und politisch aufgeladen, an jeder kann man sich aufreiben, jede bietet das Potenzial eines eigenen Romans. Wenn sie aufeinander treffen, knirscht es in der Luft. Dass der gemeinsame Weg kein friedliches Ende nehmen wird, ist zu erahnen.

Jedes Kapitel ist mit einer Uhrzeit überschrieben, von acht bis nach null Uhr wandern die Frauen durch die einsame Natur. Doch immer wieder verlässt Amanda Lasker-Berlin die Gegenwart und taucht ein in den Alltag der Schwestern. Elija kämpft mit den Proben für ihr neues Solostück als Hagar. Noa wandert an einem heißen Sommertag von einer Arbeit zur nächsten, bis sie nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Loth reist für ihre Ansichten mit Videokamera durch die Republik. Lasker-Berlin verurteilt keine ihrer Figuren, sondern gibt ihnen Raum, um zu sprechen. Ihre Leserschaft muss eigene Schlüsse aus den Handlungen ziehen. Mit ihrer sanften, eindringlichen und melodiösen Sprache legt sie die Schwestern Schicht für Schicht frei und gibt ihren Gedanken Platz. Auch ohne bestimmte Wort zu benutzen – Loth wird nie als Nazi bezeichnet – untersucht sie, was die Einstellungen jeder Schwester für sie selbst und für die anderen bedeutet. Ist es noch möglich eine Familie zu sein, wenn Loth das Leben ihrer eigenen Schwester Elija für wertlos hält? Wo verläuft die Linie zwischen Privatem und Politischem?

Körper in der Welt verorten

In ihrem bedrückenden und zugleich einfühlsamen Roman steht Amanda Lasker-Berlin ganz nah bei ihren Charakteren – vor allem gedanklich, aber auch körperlich. Sie studiert Darstellende Kunst und kommt wie Elija aus dem Bereich des Theaters. In einem Interview mit ihrem Verlag erzählte sie, wie wichtig sie körperliche Darstellung für die Verortung eines Menschen in der Welt erachtet. Das zeigt auch dieser Roman. Immer wieder ist von spitzen Knochen, Bauchdecken, Gefäßen und anderen Körperlichkeiten die Rede, die die Figuren greifbar machen.

Ursprünglich sollte ein anderes Manuskript veröffentlicht werden, verriet die Autorin gegenüber dem Buchreport. Weil Elijas Lied während der Verhandlungen fertig wurde, ergab sich ein Zwei-Bücher Deal. Die Wartezeit auf ihr zweitens Werk nach diesem beeindruckenden Debüt wird also erfreulicherweise nicht allzu lang werden.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied
Frankfurt: Franfurter Verlagsanstalt, 2020. 256 S.
ISBN: 978-3-627-00274-9

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