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Christian Baron
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Was bedeutet es, am Rand der Gesellschaft aufzuwachsen? Christian Barons autobiografischer Roman vermittelt eine Vorstellung davon.

Von Eva Fritsch

Baron: Ein Mann seiner Klasse © Claassen Papa. Mit diesem Wort schließt der Roman – und welche Bedeutung dieser, neben „Mama“, ursprünglichste aller Kosenamen hat, dessen wird man sich erst nach der Lektüre von Ein Mann seiner Klasse bewusst: Denn „Papa“ ist hier nicht das fürsorgliche Familienoberhaupt. „Papa“ ist in Christian Barons Welt ein Säufer, der seine Frau und die vier Kinder misshandelt. Der Roman, der zwischen Vergangenem und Gegenwart springt – Baron besucht als Erwachsener seine Heimatstadt Kaiserslautern und trifft dort Geschwister und Tante – erzählt keine romantisierende Vater-Sohn-Beziehung, sondern den Versuch, zu verzeihen.

Traumatische Kindheit

Baron nimmt seine Leser*innen mit in das Kaiserslautern der 1990er Jahre, in ein Umfeld, in dem es nicht nur einmal vorkommt, dass die Familie hungern muss und Schläge und Demütigungen durch den Vater an der Tagesordnung sind: „Er packte mich am Nacken, als wäre ich ein Kaninchen. Dann holte er aus und schmetterte mich gegen die Wand.“

In der verschimmelten, engen Mietswohnung, in der die Familie lebt, überhört die Nachbarschaft „die Dresche“, die Kinder hingegen sind gezwungen, mitzuhören: „Mein Bruder Benny und ich, zwei Jungs von neun und acht Jahren … teilen uns im Jahr 1994 ein Etagenbett. Unsere Eltern schliefen direkt neben unserem Zimmer. Darum drang es dumpf bis zu uns, wenn Mamas Kopf gegen die Wand donnerte. Niemals verloren wir darüber ein Wort.“

Lieber „weglesen“

Der Alltag in der kleinen Wohnung ist trist: Die Mutter leidet unter Depressionen, bleibt oft tagelang im Bett. Doch gibt es auch liebevolle Momente, wenn die junge Frau gemeinsam mit ihrem Sohn Songs der Kelly-Family singt und tanzt oder der Vater eine ganze Nacht mit seinen Söhnen Super Mario spielt. Man möchte trotzdem oft wegschauen, „weglesen“, so schmerzhaft beschreibt Baron den Alltag seiner Kindheit, die alles andere als sorgenfrei und unbeschwert ist.

Als die Mutter an Krebs stirbt, ist sie 32 Jahre alt. Für den kleinen Christian ein traumatisierendes Erlebnis – und zugleich seine „Rettung“ aus den prekären Verhältnissen. Gemeinsam mit seinen Geschwistern kommt er zu Tante Juli, eine der Schwestern der Mutter. Dank einer weiteren Tante erhält Baron Einblick in die verborgene bürgerliche Welt des Theaters und der Literatur. Seine Tanten fördern ihn, gemeinsam mit dem zunächst widerständigem Jugendamt findet er einen Ausweg aus der vorgezeichneten Biografie. Baron macht Abitur, studiert. Seine drei Geschwister allerdings werden nicht diesen Weg einschlagen, er bleibt der einzige Akademiker in der Familie – ein Schicksal, mit dem er manchmal hadert: „Habe ich mich schon als Kind für etwas Besseres gehalten? Habe ich herabgeblickt auf eine Familie, aus der auszubrechen ich mir schon vorgenommen hatte, bevor ich mir überhaupt etwas vornehmen konnte?“

Besonders ergreifend sind die Szenen, in denen durchscheint, dass jedes der vier Kinder auf seine Weise Schaden von der traumatisierenden Kindheit davonträgt: Christian neigt als Kind zu unkontrollierten Wutausbrüchen und hat Gewaltfantasien. Laura, die Zweitjüngste, leidet als kleines Mädchen unter Verlustängsten und Panikattacken und ist nur durch gemeinsames Singen zu beruhigen. Scheu zeigen sich Benny und Christian in der Schule: Sie haben Angst, etwas Falsches zu sagen – und versinken voller Scham im Autositz des blauen Ford Taunus, in dem sie von Onkel Ralf mit lauter Musik durch die Stadt gefahren werden.

Meine „Gutsten“

Der unberechenbare Vater bildet – neben dem Fernseher der Familie, der Tag und Nacht läuft - den Dreh- und Angelpunkt des Romans. Selbst als die Kinder längst bei der Tante leben und jeglicher Kontakt abgebrochen ist, taucht er hin und wieder auf. Er, der seine beiden Söhne in unbeschwerten Zeiten meine „Gutsten“ nennt, stirbt im Alter von 43 Jahren an Multiorganversagen. Man ekelt sich vor diesem Vater, dem Möbelpacker, der seinen Frust über die Lebensbedingungen in der nächsten Kneipe ertränkt – und den Monatslohn gleich mit. Gleichzeitig bewundert und verehrt Baron seinen Vater als Kind, die starken tätowierten Männerarme und seinen trotzigen Stolz.

Wie Baron vergangene Erlebnisse mit der Gegenwart verknüpft, wie er seine ambivalenten Gefühle dem Vater gegenüber in Worte zu fassen versucht, ist oft verstörend. Zu bedrückend sind die geschilderten Erlebnisse, schwer zu fassen die beschriebenen Lebensläufe – und das dahinter stehende gesellschaftliche System. Denn die Stärke des Romans liegt vor allem darin, dass der Autor nicht lediglich eine individuelle Leidensgeschichte präsentiert, die womöglich voyeuristische Interessen bedient. Vielmehr geht es ihm um die titelgebende Klasse, um gesellschaftliche Verhältnisse und die ihnen inhärente Ungerechtigkeit. Gerade deshalb ist dieses Buch so wichtig. Denn, wie Baron selbst über seinen Vater schreibt, es entschuldigt nichts, aber erklärt vieles.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse
Berlin: Claassen, 2020. 288 S.
ISBN: 978-3-546-10000-7

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