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Maxim Biller
Deutschland – eine Hassliebe

„Bevor der Gast aus Moskau meine Schwester Klawdija vergewaltigte, aß er sich bei uns erst einmal richtig satt.“ Maxim Billers Familiengeschichten bestechen nicht nur durch derart ungewöhnliche Anfänge.

Von Holger Moos

Biller: Sieben Versuche zu lieben © Kiepenheuer & Witsch Der im Verlag Kiepenheuer & Witsch neu erschienene Erzählband Sieben Versuche zu lieben von Maxim Biller enthält dreizehn Geschichten, die in diversen Erzählbänden aus den Jahren 1990 bis 2007 bereits veröffentlicht worden sind. Ihr verbindendes Element ist die Macht der Vergangenheit.
 
Und es ist vielleicht kein Zufall, dass es genau 13 Geschichten sind. Diese Unglückszahl korreliert mit der als Unglück erlebten Vergangenheit, die alle Figuren fest im Griff hat. Die Erzählung von Vergangenheit ist bei Biller eine Erzählung von Verlusten und Verletzungen, auch wenn diese durch den ironisch-spöttischen Ton abgemildert werden. Alle Geschichten sind in Prag, Hamburg, München oder Berlin angesiedelt, den Lebensstationen Billers, und sie führen in Familienverhältnisse, die denen des Autors ähneln

Das Exil – eine Verlustgeschichte

Die persönlichen Ereignisse sind häufig mit historischen und politischen Ereignissen verknüpft. Es sind Geschichten von russisch-jüdischen Migrant*innen, die auf diversen Wegen nach Deutschland gekommen sind, ohne jemals von der für immer verlorenen Heimat und Vergangenheit loszukommen. Das Exil ist eine Verlustgeschichte.
 
Die Erzähler erkunden sich selbst im Spiegel der Vergangenheit. Und dieser Blick in den Spiegel ist alles andere als klar und deutlich. Es werden Familiengeheimnisse aufgedeckt, aber nicht gelüftet. War das alles so, wie die Alten oder die eigenen Erinnerungen berichten – oder war es ganz anders? In  „Warum starb Aurora?“ kommt der Hauptfigur der Verdacht, „dass die Dinge sich, noch während sie geschahen, … verdunkelten und wie von selbst mystifizierten“.

Der Polemiker wird liebevoll

Deutschland ist für Billers Figuren ein Land, in dem sie zwar ganz gut leben können, aber es kann für sie keine Heimat sein oder werden. In „Erinnerung, schweig“ heißt es, Deutschland sei ein „Land, in dem man nicht mal als Deutscher selbst, glaube ich, glücklich sein kann“.
 
Der Erzähler in „Ein trauriger Sohn für Pollok“ stellt zwar fest, dass er in Deutschland Fuß gefasst hat und es viel leichter hatte als seine Eltern, doch mit dem Land und den Deutschen verbindet ihn maximal eine Hassliebe. Davon zeugt diese Suada: „Ich hasste seine kleinlichen Politiker, seine herablassenden, parvenühaften Schriftsteller, seine seelenlosen Akademiker, seinen affektierten romantischen Vergangenheitswahn … Ich hasste die Unvernunft und aufgesetzte Sinnhaftigkeit, die in jedem deutschen Gespräch steckten… Ich hasste den Neid, der in diesem Land herrschte, … ich hasste ihre Klagen und ihren Geiz, ich hasste ihren Drang nach Idylle und Routinen.“
 
Als Journalist ist Biller ein Polemiker, aber in seinen literarischen Texten offenbart er uns seine melancholische und auch seine liebevolle Seite. Der Autor mag mit seiner Kolumne „100 Zeilen Hass“ in den 1980er- und 1990er-Jahren bekannt geworden sein, der Titel der hier besprochenen Erzählsammlung ist dennoch passend. Es sind aber tatsächlich  nicht sieben, sondern dreizehn Versuche das zu lieben, was man oft auch hasst: die Familie.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Maxim Biller: Sieben Versuche zu lieben. Familiengeschichten
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2020. 368 S.
ISBN: 978-3-462-05437-8

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