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Valerie Fritsch
Die Schuld – das Schweigen – der Schmerz

Der Großvater und seine Taten im Zweiten Weltkrieg – ein Trauma, das die nachfolgenden Generationen in Valerie Fritschs Familienroman zu überwältigen droht. Erst eine Reise in die verlassenen Steppen Kasachstans sprengt die Ketten der Vergangenheit.

Von Marit Borcherding

Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson © Suhrkamp Was ist los in dieser Familie? Alma beobachtet schon als kleines Kind, dass sich Vater, Mutter und die Großeltern aufführen, als spielten sie ein Theaterstück in einer unstimmig zusammengehauenen Kulisse. Ein Theaterstück, in dem das Schweigen, das Ungesagte, die Lüge und die Angst dominieren und in dem es keinen Applaus für niemanden gibt. Alles, was Alma sieht, sind „müde Marionetten, mit einem schwarzen Fleck auf dem Herzen, die um ihr Leben spielen, sich immerzu bückten, aber sich nie verbeugen durften“. Mit ihrem Unbehagen an dem Unechten auf sich gestellt und ausgestattet mit einer sensiblen Beobachtungsgabe, merkt Alma bald, wer eigentlich Regie führt in dieser Gespenstervorstellung: der Krieg. Sein Schrecken pflanzte sich in den Genen der Kinder und Kindeskinder fort, bis er auch die Bilder von Almas Träumen bestimmt: „Arsenträume, Brandstifterträume, Kriegsträume. Himmel dunkel von Fliegerbomben und dunkel von Vögeln.“ Es dämmert Alma, dass sie nur herausfinden kann, aus welchen ererbten Bestandteilen sich ihr Ich zusammensetzt, wenn sie fragt und fragt und fragt. „Sie wusste nur eines: Sie wollte das Schweigen brechen, statt es zu bewahren.“

In der Erinnerung gefangen

Und derjenige, dessen Schweigen das Familienleben dominiert, ist der Großvater. Valerie Fritsch wechselt die erzählerische Perspektive und bildet nun ihn und seine Gedankenwelt ab. Als Gefangener seiner Erinnerungen an die Zeit des Krieges, sah er „auf die Menschen, die lodernd wie Fackeln aus den Häusern rannten, auf die Erde sanken und verloschen, und sah ein Feuerzeug in seiner Hand“. Eine schreckliche Wirkung, und scheinbar davon losgelöst die Ursache: Als ob sich der Großvater die Folgenschwere seiner verheerenden Tat auch im Innersten nicht eingestehen kann. Verfolgen tut sie ihn dennoch - oder gerade deswegen.
 
Herzklappen von Johnson & Johnson ist nicht der erste und einzige Roman über das Schweigen der Tätergeneration; und auch das Fortwirken von Kriegstraumata war schon Thema in einigen Büchern. Aber der Bachmann-Preisträgerin und Fotografin Valerie Fritsch gelingt es auf nur 170 Seiten, die Verwobenheit des Leids ihrer Figuren so eindringlich und tiefenscharf wie selten zu porträtieren, indem sie deren Gedanken, Seelenlandschaften und Träume in starken, fast immer höchst artifiziellen Bildern von innen nach außen wendet. Die Akteure konstituieren sich nicht durch Gesagtes – es wird kein direkter Dialog wiedergegeben in diesem Roman – sondern mittels Gedanken, Gefühlen und sich daraus ergebenden Handlungen.

Ohne jeden Schmerz

Alma setzt ihre Befreiungsversuche fort und besucht ihre Großmutter, eine exzentrisch-fragile Dame in mondänen Gewändern. Gemeinsam mit dem Großvater lebt sie in einem „Haus wie ein Einmachglas, das noch die entferntesten Jahre haltbar gemacht hatte. Ein Behälter für den alten Schmerz“. In ihren Geschichten aus einem langsam verschwindenden Leben beschwört sie für Alma die Vergangenheit herauf. Und gleichzeitig, in der Gegenwart, findet Alma Friedrich – eine große, späte Liebe, und auch bald der Vater von Emil. Zur Bestürzung der Eltern stellt sich heraus, dass Emil keinen körperlichen Schmerz empfinden kann. Und ist damit in höchstem Maße gefährdeter Antipode seines Vorfahren: „Der Großvater und Emil standen sich gegenüber als Spiegelfigur der Zeit, mit einem jungen und einem alten Gesicht, voller Ersatzteile innen drin, Schrauben, die sie zusammenhielten, und einem falschen Herzen.“ Ein Triumph der Medizintechnik, dazu angetan, beiden das physische Überleben zu sichern, aber nicht, die Familiendämonen zu vertreiben.

Befreiung durch Bewegung

Erst nach dem Tod der Großeltern kommt Bewegung in die eingefahrenen Konstellationen. Valerie Fritsch schickt Alma, Friedrich und Emil auf eine ungewisse Reise an den Ursprung des familiären Traumas, an den Ort, an dem das Schweigen seinen Ausgang nahm. Ziel ist Kasachstan, dort war der Großvater als Kriegsgefangener inhaftiert. Der unendlich scheinende Weg dorthin gelingt als eine Aneinanderreihung vieler betörender, fantastischer Bilder, wie eine Traumreise kurz vorm Erwachen. Und am Ende? Finden sie nichts, das Lager war abgetragen, vom Krieg keine Spuren mehr. Alma hatte gehofft, sie könne den Großeltern näherkommen, „wenn man nur am gleichen Flecken Erde stand, und sie scheiterte, erst schulterzuckend und dann mit einem lauten Lachen“. Ein Lachen, das nichts ungeschehen macht, nichts beschönigt und doch als Befreiung und Hinwendung zur Gegenwart verstanden werden kann.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson
Frankfurt: Suhrkamp, 2020. 174 S.
ISBN: 978-3-518-42917-4

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