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Aktuelle Jugendbücher
Auf dem Hinterhof des Penny-Markts

Cover der besprochenen Jugendbücher
© Beltz & Gelberg, Rowohlt, Gerstenberg, Carlsen

Außenseiter in Gegenwart und Geschichte, Weltverbessern für Anfänger, ein abwesender Vater und ein berühmter geraubter Totenschädel sind die Themen, um die neu erschienene Jugendbücher kreisen.

Von Holger Moos

Die 1950er-Jahre irgendwo in der österreichischen Steiermark. Das Leben ist hart, entbehrungsreich und archaisch. In diese Welt wird Sepp geboren – ein kränkliches Kind, das zum Außenseiter wird. Die Leute verspotten ihn ob seiner Andersartigkeit. Diese Geschichte erzählt Christian Duda in Milchgesicht – ganz ohne erhobenen Zeigefinger. „Ein Meisterwerk über Familie und Anderssein in den in mehrfacher Hinsicht gewalttätigen Nachkriegsjahren des 20. Jahrhunderts" (Deutschlandfunk - Die besten 7 im Monat April 2020).

Roadtrip und Wettbewerb zur Weltverbesserung

Gegen Spitznamen kann man sich oft kaum wehren. Lena, die Ich-Erzählerin in Sarah Jägers Debütroman Nach vorn, nach Süden, bekommt in ihrer Clique den Namen Entenarsch verpasst. Sie arbeitet als Aushilfe im Penny-Markt und verbringt viel Zeit in dessen Hinterhof, wo sie sie mit ihren Kolleg*innen Otto, Pavel, Vika, Marie, Marvin, Leroy, Can und Jo abhängt. Doch Jo ist vor sechs Monaten abgehauen. Die Clique macht sich auf die Suche nach ihm – ein Roadtrip durch brüllend heiße Julitage. Gelobt wird Sarah Jäger für ihre Figurenzeichnung und die Beschreibungen eines Milieus, in dem der soziale Aufstieg ein Job bei Rewe ist. Jäger erhielt für ihren Jugendroman bereits mehrere Auszeichnungen, etwa im März 2020 den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Hier ein Auszug aus der Jurybegründung: „Lena und ihre Hinterhof-Buddys sind keine Opfer, sondern vielschichtige, aktiv handelnde Charaktere. Sie sind selbstbewusst und unsicher, schlagfertig und sprachlos, manchmal reflektiert und dann wieder ihren Gefühlen ausgeliefert ... Vor allem aber lebt die Geschichte von der bezauberndsten Metapher, die je für eine Phase des Übergangs gefunden wurde: dem Penny-Hinterhof“.
 
Und noch ein Jugendbuchdebüt: Weltverbessern für Anfänger heißt der Roman von Stepha Quitterer. Die Hauptfigur Minna hat, wie der Rest ihrer Klasse, zunächst wenig Lust auf einen von ihrer Schule initiierten Wettbewerb. Doch als ihre Oma ins Pflegeheim muss, sieht Minna schnell, wo es Verbesserungspotenzial gibt. Sie „organisiert einen Pflegeheimbesuchsdienst. Wird das klappen? In einer Klasse, in der alles schwierig ist, die sogar vom Schulpsychologen gemieden wird? Das Leben hält immer wieder Überraschungen bereit. Ein beeindruckendes Debüt einer jungen Autorin“ (Deutschlandfunk - Die besten 7 im Monat März 2020).

ein egozentrischer Vater und ein Unsterblicher

In das München der 1970er-Jahre entführt Uli Oesterles Graphic Novel Vatermilch. Buch 1: Die Irrfahrt des Rufus Himmelstoss. Darin geht es um einen egozentrischen Frauenheld, der ein exzessives Leben ohne Rücksicht auf Frau und Sohn führt, das irgendwann durch einen tragischen Unfall komplett entgleist. Rufus Himmelstoss verschwindet anschließend in der Obdachlosigkeit. Angelehnt an die Lebensgeschichte seines eigenen Vaters bannt Oesterle dessen fiktionalisierte Biografie auf die Seiten. Der Münchner Zeichner zieht seine Leser*innen schließlich auch in die Welt der Obdachlosen. Parallel dazu wird die Geschichte des Sohnes Victor Himmelstoss erzählt. Das Alter Ego des Schöpfers treibt die Frage um, wie stark ihn die Gene sowie die Abwesenheit des Vaters prägten. Der Auftakt der auf vier Bände angelegten Geschichte „ist voller Wucht, so viele Bilder flirren, brennen sich ein. Zudem zeigt Oesterle, was das wirklich bedeutet: plötzlich auf der Straße zu leben, bei Regen, Kälte und Schnee“ (Bayerischer Rundfunk).
 
Peer Meter hat bereits für einige Graphic Novels die Textgrundlage geliefert. Besonders bekannt ist die auch international viel beachtete „Serienmördertrilogie“ mit Gift (Illustrationen: Barbara Yelin), Haarmann (Illustrationen: Isabel Kreitz), Vasmers Bruder (Illustrationen: David von Bassewitz). Pünktlich zum 250. Geburtstag hat Meter nun, zusammen mit dem in Berlin lebenden rumänischen Zeichner Rem Broo, die Graphic Novel Beethoven – Unsterbliches Genie über den weltberühmten Komponisten vorgelegt. Sie beginnt mit dessen Tod, denn Meter ging es nicht darum, das Leben Beethovens nachzuzeichnen, sondern „zu erzählen, wie Beethovens Umfeld sich nach dem Tod in den Mittelpunkt gestellt hat“. Das Ergebnis ist „eine brillant illustrierte schwarze Komödie, in deren Verlauf der Komponist sogar – wie in der Realität – seines Totenschädels beraubt wird“ (Deutschlandfunk). Jan-Paul Koopmann zieht in der taz folgendes Fazit: „Und vielleicht ist in einem Jubiläumsjahr wie diesem ja auch gerade diese schlichte Erkenntnis­ Gold wert: dass im Krieg die Sieger­ Geschichte schreiben. Und in der Kultur eben die Aasgeier.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Christian Duda: Milchgesicht.
Weinheim: Beltz & Gelberg, 2019. 155 S.
ISBN: 978-3-407-75543-8
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Sarah Jäger: Nach vorn, nach Süden.
Hamburg : Rowohlt, 2020. 223 S.
ISBN: 978-3-499-00239-7

Peer Meter, Rem Broo (Illustrationen): Beethoven – Unsterbliches Genie.
Hamburg: Carlsen, 2020. 144 S.
ISBN: 978-3-551-73120-3

Uli Oesterle: Vatermilch. Buch 1: Die Irrfahrt des Rufus Himmelstoss.
Hamburg: Carlsen, 2020. 128 S.
ISBN: 978-3-551-71158-8

Stepha Quitterer: Weltverbessern für Anfänger.
Hildesheim: Gerstenberg, 2020. 277 S.
ISBN: 978-3-8369-6024-3

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