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Benjamin Quaderer
Datenklau im Zwergstaat

Hat vor Benjamin Quaderer schon jemand einen Liechtenstein-Roman geschrieben? Vermutlich nicht. Dabei gibt’s viel zu erzählen über das beschauliche Fürstentum mit den verschwiegen geparkten Schwarzgeldern – hier übernimmt das ein Hochstapler, Datendieb und Staatsfeind Nummer eins.

Von Marit Borcherding

Quaderer: Für immer die Alpen © Luchterhand Wie praktisch ­­– Benjamin Quaderer fasst sein 585 Seiten starkes Debüt Für immer die Alpen im Branchenblatt Buchreport selbst in drei Sätzen zusammen: „Ein Mann, der aus dem Fürstentum Liechtenstein stammt, stiehlt Kundendaten bei der größten heimischen Bank und verkauft die Daten an den Bundesnachrichtendient. Den Kleinstaat führt das in eine Steueraffäre von nie dagewesenem Ausmaß, den Datendieb in ein Zeugenschutzprogramm. Von dort aus greift er zu Stift und Papier, um zu erzählen, wieso er getan hat, was er getan hat.“
 
So weit, so kompakt, so nahezu wirklichkeitsgetreu. Denn Quaderers Protagonist Johann Kaiser hat ein reales Vorbild namens Heinrich Kieber, dessen nicht ganz legaler Umgang mit Kundendaten der Liechtensteiner LGT-Bank 2008 tatsächlich einen immensen Steuerskandal in der Bundesrepublik ausgelöst hat.

Rasante Lebensbeichte

Nun ist das alles schon eine Weile her, zudem hat Kieber seinerzeit selbst ein Buch über seine Geschichte geschrieben. Macht aber nichts, gelingt doch Quaderer ein so vielschichtiger, unterhaltsamer, zeitweise ergreifender und außerdem zeitgemäßer Roman, dass man dem gebürtigen Liechtensteiner zu seiner literarischen Verwertung des sonst wenig verwendeten Sujets Steuerhinterziehung nur gratulieren kann.
 
Wie es sich für eine umfassende Lebensbeichte gehört, beginnt alles mit der Kindheit Johann Kaisers, die unglücklich verlief: Die Schwestern hassen ihn, die Mutter verlässt die Familie – er wird sie immer suchen. Fürstin Gina, Inbegriff der gütigen Landesmutter, hält bis zu ihrem allseits betrauerten Tod ihre schützende Hand über ihn, ebenso ein knorriger Bergsteiger, Heinrich Harrer nachempfunden. Die Personifizierung des Bösen ist dagegen die Kinderheimleiterin, die den kleinen Johann quält, wo sie nur kann. Woraufhin dieser das Moped seines besten Freundes klaut und sich aufmacht nach Barcelona, in der Hoffnung, dort seine „Mamá“ zu finden.
 
Spätestens jetzt und ohnehin wegen der märchenhaft-tragische Ausgangslage ist einem die Hauptfigur ans Herz gewachsen – und das bleibt auch so, wenn der gewiefter werdende Johann später im Eliteinternat sich selbst mit Tricksereien und Lügenmärchen einen passenden Status andichtet, etwa er sei der Abkömmling der liechtensteinischen Bohrmaschinen-Dynastie Hilti. Dank eines gebrauchten Edel-Poloshirts und mit gewinnendem Verhalten kann er eine Industriellenfamilie von seinem angeblich bestens situierten familiären Hintergrund überzeugen. Später wird er sie bei einem Immobiliengeschäft gehörig schröpfen.
 
Was sich erst noch vergnüglich als Hochstaplergeschichte liest, wird einige Kapitel danach – erneuter Genrewechsel – in eine brutale Entführungsstory umschlagen, wie sie filmreifer kaum erdacht werden kann.  Johann entkommt seinen Peinigern, aber weil sich der liechtensteinische Fürst weigert, diese zu bestrafen, passiert der große Steuerdaten-Showdown, siehe oben.  

Wer schreibt, der bleibt

Ist diesem Erzähler, der zwischen Verzweiflung, Größenwahn, Getriebensein und abgebrühter Cleverness changiert, zu trauen? Gegen die Zweifel an seiner Redlichkeit setzt der Schwindler Kaiser die Solidität von Fußnoten. Er zitiert ausgiebig aus dieser und jener Quelle, geschwärzte Passagen suggerieren das Eingreifen von Behörden, es gibt rot abgesetzte Seiten, die einem Psychologen eingeräumt werden. Greifbarer macht ihn das nicht wirklich: So sehr wie die titelgebenden Alpen erdzeitenlange Solidität und Unverrückbarkeit suggerieren, so wenig ist Johann Kaiser zu verorten und einzuordnen. Das gilt auch für seine Manövriermasse im allseits herrschenden kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem: Daten, (illegale) Gelder, virtuelle Zahlen und Zeichen. Das ist zwar alles nicht „da“, aber wenn ein Dominostein in dieser Luftnummer fällt, können ganze Ökonomien in Mitleidenschaft gezogen werden oder gar zusammenbrechen.
 
Kaiser, stetig auf der Flucht, getarnt als undurchsichtiger Normalbürger, weiß, dass seine „wahre“ Identität, seine erzählte Geschichte auch durch unser Mittun konstituiert wird, was ihn abhängig macht. Deshalb sein Flehen am Schluss: „Das wäre überhaupt das Beste. Wenn Sie niemals aufhören würden zu lesen. Ich weiß, das kann ich nicht von Ihnen verlangen. Trotzdem möchte ich Sie noch einmal daran erinnern, dass es mich nur so lange gibt, wie Sie von mir erzählen.“ Bevor man ob der Flüchtigkeit des menschlichen Daseins melancholisch das Buch zuklappt, holt uns Johann Kaiser aber pointensicher in die Alltagsniederungen zurück: „Vergessen Sie nicht, Ihre Steuern zu zahlen.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen
München: Luchterhand, 2020. 585 S.
ISBN: 978-3-630-87613-9
Diesen Titel finden Sie als Hörbuch in unserer Onleihe

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