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Moritz von Uslar
Rechter Sound und Oststolz

Was passiert, wenn ein Berlin Mitte-Typ sich für eine Reportage in die ostdeutsche Provinz zu den wilden Kerlen mit problematischer Vergangenheit begibt? Nach etwa zehn Jahren wiederholt der Autor Moritz von Uslar dieses Experiment.

Von Holger Moos

Uslar: Nochmal Deutschboden © Kiepenheuer & Witsch 2010 war Moritz von Uslars Buch Deutschboden erschienen, das auf einem dreimonatigen Aufenthalt in der brandenburgischen Kleinstadt Zehdenick im Jahr 2009 basiert. Eine „teilnehmende Beobachtung“ nannte er sein Werk, in dem er einige randständige Figuren in ihrem Alltag begleitet und porträtiert. Nun ist Uslar nach Zehdenick zurückgekehrt und hat wieder über seine Erlebnisse geschrieben: Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz.
 
Oberflächlich betrachtet hat sich Zehdenick prächtig entwickelt. Das Zentrum wurde aufgehübscht, die Arbeitslosigkeit ist deutlich gesunken. Und: Die Dönerbude hat bis mindestens ein Uhr nachts geöffnet. Die Kurden, denen diese Dönerbude gehört, haben sogar ein zweites Geschäft eröffnet, einen Späti.

„Das muss eine politische Reportage werden, Moritz“

Mit Uslar verlässt man den Dunstkreis der „Guten, Fairen und Geschmackvollen“ und verbringt während der Lektüre seine Zeit mit „den Arschgeigen, den Hässlichen, Kaputten, denen mit den hässlichen Turnschuhen, den hässlichen Brillengestellen, den Augenbrauenpiercings und den hässlichen Tunneln in den Ohrläppchen, … dem ganzen wunderbaren Kleinstadt-Volk“. Zehn Jahre nach seinem ersten Buch hat sich allerdings das politische Kima sehr verändert: Eine rassistische, menschenverachtende und demokratiefeindliche Partei bekommt bei den Landtagswahlen in Brandenburg oder Sachsen mittlerweile deutlich mehr als 20 Prozent der Stimmen. Es gebe heute mehr rechten Sound, aber auch mehr Oststolz als vor zehn Jahren, so Uslar in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur.
 
Sein Held Raul, „ein König der Kleinstadt“, gibt ihm gleich zu Beginn folgenden Auftrag mit auf den Weg: „Das muss eine politische Reportage werden, Moritz.“ Dem ersten Deutschboden-Buch wurde vorgeworfen, das Apolitische zelebriert und das rechte Denken verharmlost zu haben. Daher interpretieren manche Uslars zweites Buch als politischen und ästhetischen Wiedergutmachungsversuch. Johannes Franzen schreibt in der FAZ, dies sei Uslar weder politisch noch ästhetisch gelungen. Stilistisch liefere er wie im Vorgängerband popliterarische Kost: Bezeichnend seien „die Mischung aus Ironie und ausgestellter Naivität, die umgangssprachliche Einfärbung und die auf Lesbarkeit getrimmte erzählerische Transparenz“.
 
Cornelius Pollmer findet in der SZ dagegen nicht, dass der Autor den Alltagsrassismus verschweige oder verharmlose. Er hält Nochmal Deutschboden für „ein gutes Dokument unserer Zeit“ mit sehr viel „Deutschbodenhaftung“. Uslar selbst kokettiert damit, eben doch kein politischer Reporter zu sein: „Politische Reporter waren natürlich die anderen. Bestimmte Sätze – die mit dem zu schlauen Klang –, die konnte ich nicht hinschreiben, obwohl sie mir natürlich durch den Kopf gingen. Es gab eine Sperre. Ich wusste es auch nicht.“

alkohol- und testosterongeschwÄngerte UmGebung 

Ein „blödes Fortsetzungsbuch“ wollte Uslar nicht schreiben. Entstanden ist eine persönliche Langzeitstudie über das Leben in einer ostdeutschen Kleinstadt, wenn auch die beschriebenen Alltagsrituale – Abhängen in alkohol- und testosterongeschwängerter Umgebung – wieder sehr männlich dominiert sind. Uslar nähert sich diesmal zwar auch dem weiblichen Geschlecht und kommt beispielsweise mit einer „schönen Bäckersfrau“ ins Gespräch, diese entpuppt sich aber zu seinem Leidwesen schnell als Rassistin.
 
Natürlich gefällt sich Uslar in seiner Rolle als cooler Hund, der bisweilen über sich selbst als „der Reporter“ in der dritten Person schreibt. In Zehdenick ist auch er ein Außenseiter, dem es vielleicht gerade deshalb gelungen ist, das Vertrauen der dortigen Außenseiter zu gewinnen und anekdotenreiche Einblicke in eine Lebenswelt zu gewähren, mit der man nur sehr selten oder gar keinen Kontakt hat.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Moritz von Uslar: Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2020. 336 S.
ISBN: 978-3-462-05325-8

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