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Thorsten Nagelschmidt
Nachtgestalten

Die internationale Bohème fühlt sich seit geraumer Zeit wohl in der rauen, aber dennoch komfortablen Partymetropole Berlin. Doch wer arbeitet dort nachts hinter den Kulissen? Das beschreibt Thorsten Nagelschmidt in seinem neuen Roman.

Von Holger Moos

Nagelschmidt: Arbeit © S. Fischer Taxifahrer, Sanitäter*in, Fahrradkurierin, Pfandsammlerin, Drogendealer, Türsteher, Späti-Betreiberin – das sind die Helden in Nagelschmidts viertem Roman Arbeit, dessen Titel bereits verrät, worum es hier geht: um Arbeit – und nicht um vordergründiges Vergnügen. Geschildert werden die Erlebnisse dieser Figuren im Verlauf einer einzigen Nacht.

mit sich selbst beschäftigt

In zwanzig Kapiteln führt Nagelschmidt seine elf Hauptfiguren ein, die fast alle wenig Spaß an ihrem Job haben und aus der Not bestenfalls eine Tugend machen. Meistens gelingt aber nicht mal das. Manchmal kreuzen sich ihre Wege, aber im Grunde sind sie alle Einzelkämpfer*innen, die weder das Geld noch die Zeit haben, viel an andere zu denken. Die Buchhändlerin Ingrid, die ihre Nächte mit Flaschensammeln verbringt, „mag die Nacht. Nachts sind alle so sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihrem Rausch und ihrer Balz und ihrer Selbstverwirklichung, dass eine Person mehr am Rand nicht auffällt. Alle wollen sie ins Licht, auf die Bühne, in den Mittelpunkt.“
 
Das Buch ist also kein Partyhauptstadt-Roman, der Berlin für seine Diversität, Hipness, und Subkultur feiert. Der 43jährige Autor betrachtet seine Werke selbst als „im weitesten Sinn sozialrealistische Literatur“, so Nagelschmidt in einem ZEIT-Interview.

Berlin-Roman des 21. Jahrhunderts

Für Patrick Bauer von der SZ ist Arbeit „der erste große Berlin-Roman des 21. Jahrhunderts … Egal, was vom Berliner Hedonismus des vergangenen Jahrzehnts eines Tages übrig sein wird, nun, da die Zwanzigerjahre eine Epoche des Abstands zu werden drohen: Dank Thorsten Nagelschmidt wird von dieser Nacht für immer etwas bleiben.“
 
Besonders beeindruckend ist, dass Nagelschmidt die sehr diversen Milieus stilsicher und glaubhaft darzustellen vermag. Durch die gewählte Multiperspektivität entsteht ein vielschichtiges Panorama des Nachtlebens. Erzählerisch geht der Episoden-Roman ebenfalls auf: Durch den steten Perspektivwechsel und die vielen Cliffhanger entsteht ein Sog, der einen das Buch nicht aus der Hand legen lässt. Es wäre natürlich interessant zu erfahren, was diese Figuren jetzt treiben, nachdem der Partybetrieb virusbedingt zum Erliegen kam. Aber das wäre vermutlich ein etwas anderer Roman, denn es ist doch schon ein Unterschied, ob man die Tür eines Supermarkts bewacht oder die Tür eines angesagten Clubs.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Thorsten Nagelschmidt: Arbeit
Frankfurt: S. Fischer, 2020. 336 S.
ISBN: 978-3-10-397411-9

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