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Thomas Böhm/Carsten Pfeiffer (Hrsg.)
„Trägst du die Brille, bis du tot bist?“

Eine Wunderkammer ist eine Raritäten- oder Kuriositätensammlung. Und auch Sprache ist ein bisweilen merkwürdiges Sammelsurium. Ein wunderschön gestaltetes Buch versammelt bemerkenswerte historische, aber auch zeitgenössische Fundstücke der deutschen Sprache.

Von Holger Moos

Die Wunderkammer der deutschen Sprache © Das kulturelle Gedächtnis Wunderkammern sind ein Phänomen aus den Anfängen der Museumsgeschichte. In diesen historischen Wunderkammern fanden sich die unterschiedlichsten Dinge: Kunstwerke, Edelsteine, Tierpräparate oder merkwürdige Apparaturen. So schreiben die beiden Herausgeber Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer im Vorwort von Die Wunderkammer der deutschen Sprache. Ihre Schatztruhe ist „gefüllt mit Wortschöpfungen, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte“.
 
Wer möchte zum Beispiel nicht sattelfest in der passenden Anrede der höfischen Gesellschaft sein? Wen hat man etwa als „Allerdurchlauchtigster“, wen nur als „Durchlauchtigster“ und wen gar bloß als „Wohledelgeborener Herr“ anzusprechen? In der falschen Anrede lauern viele Fettnäpfchen. Wie gut, dass dieser so genannte Kuralienstil mittlerweile abgeschafft ist! Die drei genannten Anreden galten übrigens dem Kaiser, einem königlichen Prinzen und einem Rat bzw. Professor.

Lustgetöne auf dem Lotterbett

Besonders kreativ gehen Kinder mit Sprache um. Thomas Böhm, einer der beiden Herausgeber, hat für seine Töchter ein Sprachtagebuch geführt. Darin hat er etwa diesen selbst für Linguisten schwer zu entwirrenden logischen Satz festgehalten: „Englisch ist auf Spanisch Deutsch“. Oder diese existenzielle Frage: „Trägst du die Brille, bis du tot bist?“
 
Sprache ist auch ein Verlustgeschäft. Wörter gehen verloren, indem sie ungebräuchlich werden. Oder verstehen Sie den folgenden Satz: „Während der Funeralien fragt der Eidam den Aldermann, ob der Cicisbeo der Verstorbenen in der Valetrede erwähnt wird oder ob er durchgeixt wurde?“ Hier die Übersetzung: „Während der Beerdigungsfeierlichkeiten fragt der Schwiegersohn das Familienoberhaupt, ob  der Hausfreund der Verstorbenen in der Abschiedsrede erwähnt wird oder ob er mit dem Buchstaben x unleserlich gemacht, also herausgestrichen wurde?“
 
Fremdenfeindlichkeit kann nicht nur Menschen, sondern auch Wörtern gelten. Seit Martin Luther gibt es immer wieder Bestrebungen zur „Reinhaltung“ der deutschen Sprache und zur Vermeidung von Fremdwörtern. Philipp von Zesen und einige Gleichgesinnte haben im 17. Jahrhundert zahlreiche Wortschöpfungen erfunden, um Fremdwörter aus der deutschen Sprache zu drängen. Erfolgreich wurde die Assekuranz durch die Versicherung ersetzt oder die Zirkulation durch den Kreislauf. Nicht gebräuchlich wurden dagegen die Wörter Entgliederkunst (für Anatomie), das Scheidezeichen (für Komma), die Dörrleiche (für Mumie), das Lotterbett (für Sofa) oder das Lustgetöne (für Musik).

Wimmelbuch der Sprachgeschichte

Das Buch wurde im diesjährigen Wettbewerb Die schönsten deutschen Bücher der Stiftung Buchkunst mit einem Hauptpreis ausgezeichnet. Hier ein Auszug aus der Jurybegründung: „Wer sich als emsige Leseratte nach einer Pause sehnt, der ziehe sich mit einem Glas Rotwein in die ‚Wunderkammer der deutschen Sprache‛ zurück. Den Quartband, der ohne Inhaltsverzeichnis auskommt, lässt man getrost selbst entscheiden, an welcher Stelle man eintaucht, denn er öffnet sich, dank seines guten Aufschlagverhaltens, wie von selbst. Dem Leser sprudelt eine vielgestaltige Typografie entgegen. Ohne Umschweife passen sich Schriftgrade und Schriftfette den semantischen Gegebenheiten an, denn die differenzierten Textsorten geben den Typografen viel zu tun: Aufsätze, Aufzählungen, Tabellen, Listen, Diagramme, Rubriken – alles will ins rechte Verhältnis gesetzt werden. Der ein-, meist zwei- und wenn es sein muss, auch dreispaltige Satzspiegel verwandelt die Doppelseiten zu Unikaten. Wer würde in diesem Wimmelbuch der Sprachgeschichte nicht fündig?“
 
Der eigenen Sprachkompetenz hilft das Buch in jedem Fall gehörig auf die Sprünge. Nach aufmerksamem Schmökern kann man eine Frage wie „Kannst du mir das mal verkasematuckeln?“ beantworten, die einen zuvor ratlos gemacht hätte. Denn verkasematuckeln ist eines der Lieblingswörter, die die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff beigesteuert hat. Die Antwort darf dann gerne eine sehr detaillierte und umständliche Erklärung enthalten.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Thomas Böhm/Carsten Pfeiffer (Hrsg.): Die Wunderkammer der deutschen Sprache
Berlin: Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, 2019. 304 S.
ISBN: 978-3-946990-31-4

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