Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Ronya Othmann
Zwischen zwei Welten

Ronya Othmanns Debütroman ist eine Geschichtsstunde der besonderen Art. Spannend, gefühlvoll und mitreißend führt die Autorin ein in die Welt der Eziden, in die großelterliche Welt in Syrien.

Von Swantje Schütz

Othmann: Die Sommer © Hanser Leyla, Hauptfigur des Romans Die Sommer, wächst in München auf, später wird sie in Leipzig studieren. Sie ist die Tochter einer deutschen Krankenschwester und eines ezidischen Kurden aus Syrien, der in Deutschland auf dem Bau arbeitet. Vor seiner Flucht aus Syrien träumte der Vater von einem Studium, das ihm aber als Ezide, als staatenloses Mitglied einer ethnisch-religiösen Minderheit innerhalb der kurdischen Minderheit in Syrien verwehrt war. Leyla lebt in zwei Welten – während des Schuljahres in der des Münchner Gymnasiums mit deutschen Freundinnen und während der Sommerferien in der des kurdischen Dorfes ihrer Großeltern in Syrien.

Familiengeschichte

Die Geschichte ist fiktiv, basiert auf autobiografischen Elementen und wird auf zwei Ebenen erzählt: Zum einen ist da Leyla mit ihren Erinnerungen an die Sommer, die sie auf staubigen Straßen, beim Rollen von gefüllten Weinblättern oder unter dem Ventilator im Wohnzimmer verbracht hat, wo alle gemeinsam auf Matratzen sitzen, Tee trinken und der Hitze trotzen. Zum anderen gibt es Leylas Vater, der ihr die erschütternde Geschichte seiner Flucht berichtet. Othmann trifft dabei genau den richtigen Ton, ihre Sprache ist schlicht und kunstvoll – es scheint, als könne nur mit derart einfachen Worten eine so grausame Geschichte von Vertreibung, Folter und Ungerechtigkeit greifbar gemacht werden:

Der Vater lachte traurig und sagte am Telefon: Es ist seltsam, aber zum ersten Mal wissen die Deutschen, wer wir sind. Die Mutter sagte: Ich kann nicht mehr. Seit drei Jahren sehen wir uns das ununterbrochen an. Und jetzt Shingal. Wer hält das aus, vier Jahre lang, fragte die Mutter. Das hält man nicht aus. Das Schlimmste, sagte Leyla, ist das Zusehen. Ich kann nicht mehr zusehen.

Ronya Othmann

Das Zitat spielt an auf den Genozid an den Eziden durch die Terrororganisation Islamischer Staat, der im August 2014 eine Flucht der so genannten „Ungläubigen“ im nordirakischen Sindschar auslöste, dem Hauptsiedlungsgebiet der Eziden. Der Vater sitzt zu dieser Zeit stundenlang vor dem Fernseher in Deutschland und zappt sich durch sämtliche ausländische Fernsehprogramme.

Preisträgerin

Die ehemalige taz-Kolumnistin Othmann hat bereits mehrere Preise erhalten, unter anderen für ihren Text Vierundsiebzig den Publikumspreis des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Dieser Text hatte ebenso den Völkermord an den Eziden zum Gegenstand. Ronya Othmann studiert derzeit am Literaturinstitut Leipzig und arbeitet parallel an ihrem nächsten Roman. In einem Video-Gespräch mit Regine Hader vom Goethe-Institut anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2020 führt die Autorin aus, dass sie zunächst daran dachte, eine Reportage zu schreiben, aber gescheitert sei, weil das Handwerkliche nicht ausgereicht hätte für das, was sie vermitteln wollte. Sie sei über die Sprache zu ihrem Roman gekommen, über das Erinnern, über das Erzählen und wie man erzählt.

Klare Empfehlung

Die Sommer ist ein empfehlenswertes Buch, empfehlenswert allein schon, weil es uns erschüttern und viel lehren kann – über die Existenz von Eziden, über ihre Religion, ihr Schicksal. Es ist ein wichtiges Buch, weil es uns zeigt, was es heißt, seine Heimat zu verlieren. Nicht zuletzt vermag es Akzeptanz sowie Verständnis zu wecken, ohne zu belehren.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Ronya Othmann: Die Sommer
München: Hanser, 2020. 288 S.
ISBN: 978-3-446-26760-2
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Top