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Anke Stelling
Verliebt in Markus Häfele

An unglücklichen Menschen in misslichen Situationen mangelt es nicht in Anke Stellings Erzählungen. Doch während Claudia, Franziska, Simone oder Carina leidend mit den Verhältnissen hadern, lassen sich Hannes, Heiner, Markus und Varut in ihrer Selbstverwirklichung eher nicht stören.

Von Marit Borcherding

Stelling: Grundlagenforschung © Verbrecher Verlag Grundlagenforschung klingt als Titel für einen Erzählband nicht sonderlich poetisch. Aber Anke Stelling betreibt in diesen kurzen Werken das, was auch schon in ihren Romanen nachzuvollziehen war: Sie seziert das Distinktionsgebaren und den Einsatz von Statussymbolen der saturierten, sich aufgeklärt und tolerant gebenden Mittelschicht, indem sie beispielsweise die Biografie einer Aufsteigerin daran spiegelt – wie im Buch Schäfchen im Trockenen, für das sie 2019 den Leipziger Buchpreis erhielt. Hubert Winkels, Literaturkritiker, bescheinigte Anke Stelling im Deutschlandfunk linkes, soziologisches Denken und erläutert: „Sie denkt alles, was sie privat erlebt, sofort in den Kategorien der Soziologie gleich mit.“ Und da passt dann die Überschrift Grundlagenforschung doch wieder sehr gut.
 
Der schmale Band, Auftakt einer neuen Reihe des Verbrecher-Verlags, versammelt insgesamt 14 Erzählungen aus den Jahren 2002 bis 2019 – fast alle bereits an anderer Stelle erschienen, doch gemäß der editorischen Notiz für diese Ausgabe überarbeitet. Und tatsächlich lesen sich die Geschichten geradezu wie aus einem Guss – auch weil viele Themen und Motive aus dem Stelling’schen literarischen Kosmos aus wechselnden Perspektiven aufscheinen. Und je mehr Menschen Anke Stelling in ihren Erzählungen vorführt, desto eher stellt sich die Erkenntnis ein, dass es sich zwar um Einzelschicksale handelt, aber dass da auch so mancher Fehler im (kapitalistischen) System liegt, an das sich die Protagonistinnen nicht ohne eine gewisse Verzweiflung anzupassen versuchen.

Wer gehört dazu?

Worauf sie beim Schreiben ihr Augenmerk richtet, beschreibt die Autorin in einem Interview so: „Mich interessiert Gruppendynamik. Also Fragen von Ein- und Ausschluss, Abschottung und Durchmischung verschiedener Milieus und Klassen. Die sich wiederum häufig an Äußerlichkeiten festmachen oder zumindest daran entlang erzählen lassen.“ Und: „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine Lüge. Wer meint, diese Vereinbarkeit hinzukriegen, lagert in Wahrheit aus.“
 
Gemäß dieser literarischen Programmatik präsentiert etwa die Erzählung Die Stelle das Konzentrat eines Lebens von der Kindheit bis zum silbernen Klassentreffen, rekapituliert von einer Ich-Erzählerin, die vor der Kulisse des Weltgeschehens ihre Unzufriedenheit mit ihrem Aussehen und die Entfremdung von ihrem Körper verhandelt, die versucht, sich umzuprogrammieren, um beispielsweise auszuhalten, dass der allseits angebetete und selbstsichere Markus Häfele sich nie in sie verlieben wird. Soll sie es mit Rainer Bergmann versuchen? Den finden aber alle eklig – so wie sich selber partiell auch. Und dann gibt es doch die Heirat mit einem Mann, „der klüger ist als ich“, kommen die Kinder und irgendwann das Klassentreffen, an dem Markus Häfele mit dem SUV vorfährt und Rainer Bergmann berichtet, dass er seit einigen Jahren nicht mehr trinkt. Eine gute Gelegenheit für die Erzählerin, mit ihm das Gespräch über Sex zu suchen.

Allein gelassen

Es ließe sich hier noch manche andere Geschichte zusammenfassen – etwa die über Varut und Franziska, einst ein cooles Paar – er Barmann und Lehrbeauftragter an der Uni, sie Schriftstellerin. Kaum sind zwei Kinder geboren, geriert Varut sich selbstherrlich und tyrannisch, er wiegelt die Kinder gegen alle und jeden, auch gegen die eigene Mutter auf – und Franziska opponiert nicht, weil sie von sich selbst kein gutes Bild hat, sich verunsichern und manipulieren lässt. Von der Gesellschaft, die sich in Gestalt ihrer Freundinnen artikuliert, erntet sie zwar zunächst Verständnis und bisweilen moralische Bestärkung. Aber keine aktive Hilfestellung. Stattdessen bricht der Kontakt ab. Sodass es am Ende über die Protagonistin heißt: „Außer Varut und den Kindern ist da nichts mehr, sie sind Franziskas Leben. Wer das nicht mit ihr teilen kann, ist raus.“  
 
Das liest sich einerseits traurig, das häufige Scheitern der weiblichen Figuren: an den gesellschaftlichen Egoismen, der Unverbindlichkeit, dem Primat des Ökonomischen und nicht zuletzt an sich selbst – obwohl sie sich um geordnete Bahnen bemühen, nicht anecken wollen und sich aufgeklärt bis zur Schmerzgrenze geben. Andererseits sind die Stelling’schen punktgenauen und manchmal sarkastisch-komischen Analysen heutiger Beziehungsmuster nicht nur sehr gut zu lesen. Sie schaffen auch ein Problembewusstsein für gesellschaftliche Missstände und Herausforderungen und bereiten den Boden für Handlungsoptionen. Und genau das soll Grundlagenforschung ja leisten.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Anke Stelling: Grundlagenforschung. Erzählungen
Berlin: Verbrecher Verlag, 2020. 192 S.
ISBN: 978-3-95732-447-4

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