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Cemile Sahin
Gewalt und Vaterlandsliebe

Cemile Sahins zweiter Roman erzählt von der türkischen Gesellschaft, die extrem durch Militär, Bespitzelung und Polizeigewalt geprägt ist. In neun Episoden beschreibt sie, was allgegenwärtige Gewalterfahrung mit Menschen macht.

Von Holger Moos

Sahin: Alle Hunde sterben © Aufbau Cemile Sahin ist Kurdin. Nach ihrer Geburt 1990 in Wiesbaden zogen die Eltern mit ihr für vier Jahre ins ostanatolische Dersim, das 1946 in das türkische Tunceli („Eiserne Faust“) umbenannt worden war. 1937 und 1938 hatte der damalige Präsident der Türkei Atatürk in der gleichnamigen Provinz ein Massaker an den überwiegend alevitischen Kurdinnen und Kurden verüben lassen.
 
In Cemile Sahins erstem Roman Taxi (2019) ging es um seelische Verwüstungen des Krieges. Sahin bekam 2020 für ihr Debüt die Alfred Döblin-Medaille. Nach Meinung der Jury gelang es ihr, „für die Last der Erinnerung und ihrer Verarbeitung eine bezwingende und ganz gegenwärtige Form zu finden. Es geht um das Existenzielle: Auch wenn der Krieg zu Ende ist, verheert er die Gehirne und die Empfindungen.“

Knochen in einer Plastiktüte

Auch in ihrem neuen Roman Alle Hunde sterben geht es wieder um das Existenzielle und um Gewalt. Schauplatz ist ein 17-stöckiges Hochhaus, irgendwo in der Westtürkei. Die Bewohner*innen sind dort nicht zu Hause und wollen nicht bleiben. Sie sind allesamt Vertriebene und Opfer staatlichen Terrors und berichten davon. Und alle warten: auf ihren Partner, ihre Kinder, ihre Eltern, auf die Polizei oder die Soldaten, auf die Möglichkeit zur Rache. Das Hochhaus ist eine Metapher für das Land.
 
Sahin sieht sich nicht primär als Schriftstellerin: „Ich bin Künstlerin und trenne die Bücher nicht von der bildenden Kunst, ich mache Installationen, die aus Video, Text und Skulptur bestehen, das Schreiben ist für mich nur ein Medium innerhalb dessen“, erklärt sie in einem Gespräch mit dem Missy Magazine. Jeder der neun Episoden ist ein identisches Foto vorangestellt. Es zeigt das Dach eines Parkhauses. Auf dem Asphalt sind Pfeile zu sehen, auf denen „one way“ steht. Folgt man diesen Pfeilen, geht es fast im Kreis und schließlich eine Ebene tiefer. Eine Abwärtsspirale also.

Abwärts bewegt sich auch das Leben der Figuren. Alle wurden als Staatsfeinde identifiziert und als solche verfolgt. Sie sind schwer beschädigt, traumatisiert durch direkte oder indirekte Gewalterfahrungen und Verluste. Eltern schickten ihre Kinder weg oder verließen sie, um sie zu schützen. Andere waren im Gefängnis, wurden gefoltert oder haben geliebte Menschen verloren. Die Gründe für den Staatsterror sind der Kampf gegen Terrorismus und Vaterlandsliebe. Es sind siamesische Zwillinge: „Die Gewalt hält auch das Vaterland zusammen“, sagt Murat, der die Knochen seiner Mutter vor der Verwüstung eines Friedhofs rettet und in einer Plastiktüte im Schrank aufbewahrt.

Explizite Gewaltdarstellungen

Die Gewaltdarstellung ist sehr explizit. Gleich in der ersten Episode wird Necla von einem Soldaten an den Haaren über den Hof geschleift, in eine Hundehütte gequetscht und gezwungen, eine tote Ratte zu essen. Gewalt unverblümt und klar darzustellen ist Cemile Sahin wichtig, wie sie in einem Deutschlandfunk Kultur-Interview sagt. Dazu passend schreibt sie in kurzen Sätzen mit wenigen Nebensätzen. Hart, nüchtern und wahrhaftig klingt dieser parataktische Stil, wenn etwa die Mutter von Devrim in der letzten Episode apodiktisch verkündet: „Das Leben ist schlecht. So schlecht. Wo passiert so etwas? Bei uns passiert das jeden Tag.“
 
Doch auch wenn Sahins zweites Buch nun in der Türkei spielt, nennt sie – wie schon in ihrem Debüt – keine Namen von Orten oder Personen. Auch ein expliziter Verweis auf die kurdische Minderheit findet sich nicht. Denn die Türkei sowie der türkisch-kurdische Konflikt sind für Sahin nur Beispiele für etwas, das es auch anderswo gibt: „Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat, die Perspektive, aus der ich schreibe, ist zwar die einer Kurdin, aber dennoch fände ich es komisch, ausschließlich über Kurd*innen zu schreiben.“
 
Alle Hunde sterben ist ein sehr roher und plakativer Text, eine deutliche Anklage. Platz für Zwischentöne gibt es kaum. Zu klar und unbestreitbar sind die Rollenverteilungen zwischen Tätern und Opfern. Das Ergebnis ist ein sehr dunkles, sehr existenzialistisches Buch, an dessen Ende sich zwar ein Kreis schließt, aber wieder ist es ein Kreis der Gewalt.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Cemile Sahin: Alle Hunde sterben
Berlin: Aufbau, 2020. 239 S.
ISBN: 978-3-351-03827-4
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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