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Sibel Schick
Nicht länger unerhört

Als Frau, Migrantin und Kurdin berichtet Sibel Schick von ihren Diskriminierungserfahrungen in Deutschland – und zeigt, wie schwer es für marginalisierte Gruppen ist, sich Gehör zu verschaffen. Existierende Machtstrukturen stehen ihrer Teilhabe an der Gesellschaft im Weg.

Von Helena Matschiner

Schick: Hallo, hört mich jemand? © edition assemblage „Es war Deutschland, das mich radikalisierte“, schreibt Sibel Schick im Vorwort des Sammelbandes Hallo hört mich jemand? Als sie 2009 nach Deutschland kam, musste sie erst lernen, dreist und unbequem zu sein, um sich Gehör zu verschaffen. Bis auf eine sind alle 35 Erzählungen des vorliegenden Sammelbandes 2017 bis 2020 bereits an anderer Stelle erschienen, v.a. im Missy Magazine und der taz. Sie beinhalten persönliche Erfahrungen und Kommentare. Die Beiträge sind thematisch in fünf Kategorien geordnet: Rassismus, Sexismus, Virtuelle und mediale Gewalt, Klassismus und Persönliches.
 
Der Rückblick erlaubt es den Leser*innen, die Autorin und ihre Entwicklung verstehen und kennenzulernen. Raum für eine Distanzierung zum Geschilderten gewährt Sibel Schick den Leser*innen dabei nicht: Sie spricht die deutsche Mehrheitsgesellschaft direkt an: meist vorwurfsvoll, manchmal konfrontativ, und gelegentlich - wie sie selbst sagt - pöbelnd. Sie rechnet ab mit all jenen, die existierende diskriminierende Machtstrukturen stärken, und auch mit denen, die nichts dagegen unternehmen.

Demokratie heißt Teilhabe

Den Vorwurf des „mangelnden Integrationswillen“ und der Entstehung von „Parallelgesellschaften“ wickelt Sibel Schick von hinten auf. Sie wirft den Ball zurück, indem sie klar stellt, dass über 5 Millionen Menschen in Deutschland aufgrund ihrer Nationalitäten kein Wahlrecht haben und somit von allen demokratischen Prozessen ausgeschlossen sind. Da ihnen der Zugang zu Positionen mit Entscheidungsmacht erschwert ist, fehlen in der Regel die Möglichkeiten, das System, in dem sie leben, mitzugestalten.
 
Daher haben die Sozialen Medien für viele Betroffenen als Sprachrohr große Bedeutung. Doch wer sich präsentiert, macht sich angreifbar. Sibel Schick beschreibt anschaulich die eigenen Anstrengungen, ihren virtuellen Raum regelmäßig von rechten Trollen und Antifeministen zurückzuerobern, um ihr Recht auf Meinungsfreiheit zu verteidigen. Genau dasselbe Recht, das von Rechten als Kampfbegriff instrumentalisiert wird, während sie Stimmen von Minderheiten im Internet durch mediale Gewalt zum Verstummen bringen wollen. Damit diese Einschüchterungen Betroffene nicht davon abhalten, sich an Diskursen zu beteiligen, plädiert Sibel Schick für eine konsequentere Umsetzung von Schutzmechanismen im virtuellen und realen Raum.

Noch viel Luft nach oben

Die schnelle Rückkehr zur Normalität nach dem Anschlag in Hanau 2020, der Erfolg der AfD bei den Bundestagswahlen 2017, die Verbindungen zu rechtsextremen Milieus innerhalb der Polizei, und das Ausbleiben eines kollektiven Aufschreis und effektiver Maßnahmen gegen den Rechtsruck zeigen, dass Rassismus in Deutschland weiterhin als Nischenthema behandelt wird.
 
Handlungsbedarf sieht Sibel Schick auch beim Themenfeld Sexismus und sexuelle Gewalt. Während Deutschland sich mit EU-Geldern um Geschlechtergerechtigkeit in Drittstaaten bemüht, wird im eigenen Land über gesellschaftliche Strukturen, die Gewalt gegen Frauen begünstigen, hinweggesehen. Am Beispiel eigener Erfahrungen veranschaulicht die Autorin, wie Frauen von Männern oft nicht ernst genommen werden, wenn sie von Erfahrungen sexueller Belästigungen berichten. Sie fordert uns auf, nicht länger auf Präventionsmaßnahmen gegen sexuelle Gewalt zu setzen, sondern für einen gesellschaftlichen Wandel aktiv zu werden. Und dabei appelliert sie an (Cis-)Männer, sich aktiv gegen Sexismus positionieren, statt für die Selbstverständlichkeit, Frauen nicht zu belästigen, Dankbarkeit zu erwarten.

Finger in die Wunde

Fehlende Solidarität erkennt die Autorin nicht nur hinsichtlich feministischer Belange sondern auch gegenüber finanziell schwächeren Gesellschaftsschichten. Wer Billigflüge, Billigfleisch und Discounter-Kleidung konsumiert, erntet oft missbilligendes Kopfschütteln von Seiten einer ökologischer orientierten Bildungselite. Die Autorin verdeutlicht, dass einkommensschwächere Mitbürger*innen für ihre Konsumentscheidungen nicht zu kritisieren sind, solange ökologische Nachhaltigkeit ein Luxus ist.
 
Sibel Schick hält der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen Spiegel vor. Dafür wurde sie in den vergangen Jahren mehrfach angefeindet. Dass Verallgemeinerungen wie „die Deutschen“ oder „die Männer“ bei den Angesprochen zu unbequemem Piksen führen kann, dient jedoch als notwendiges Mittel zum Zweck, solange die thematisierten Ungerechtigkeiten ein Fakt sind. Statt in eine Verteidigungshaltung zu verfallen, lohnt es sich, genau hinzuhören. Denn auf dem Spiel steht nicht weniger als die Demokratie.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Sibel Schick: Hallo, hört mich jemand? Rassismuskritische und feministische Kolumnen und Kommentare.
Münster: edition assemblage, 2020. 145 S.
ISBN: 978-3-96042-092-7

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