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Christoph Nußbaumeder
Jahresringe

Wären Georg und Gerlinde ohne elterliche Lüge zusammen glücklich geworden? Christoph Nußbaumeders Romandebüt erzählt das Scheitern einer Liebe und ist noch viel mehr: die Aufstiegsgeschichte einer Familie und das  Gesellschaftspanorama eines Landes über ein Jahrhundert.

Von Marit Borcherding

Nußbaumeder: Die Unverhofften © Suhrkamp Eine monumentale Baumscheibe ziert den Umschlag des Roman-Erstlings Die Unverhofften von Christoph Nußbaumeder. Das passt gut, denn über eine Erzählstrecke von fast 700 Seiten lernen wir in sieben chronologisch wie Jahresringe aufeinander folgenden Büchern die Familien Hufnagel und Schatzschneider kennen, samt ihrer privaten und ökonomischen Verstrickungen – von 1900 bis in die Jetztzeit. Und der Baumausschnitt steht für den Werkstoff, auf dem sich der Reichtum der Hufnagels gründet: Holz, geschlagen im Bayerischen Wald nahe der deutsch-tschechischen Grenze.
 
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besaß die Familie jedoch eine Glashütte. Dort kämpfen die Arbeiter um ihre Rechte, die Hausangestellte Maria muss sich den Zudringlichkeiten des Hüttenbesitzers Siegmund Hufnagel erwehren. Er will ihre Auswanderung nach Amerika vereiteln, erpresst sie, vergewaltigt sie. Aus Rache und Wut setzt Maria die Glashütte in Brand – zuvor hat sie ihr Kind getötet. Ihr bleibt nichts als die Flucht, sie „machte sich auf ins Ungewisse“.

Dramatische Wendungen

Ein Auftakt für die eigentliche Geschichte, wie er ereignisreicher kaum ausfallen kann – und direkt hier zeigt sich die Handschrift des erfolgreichen Theaterautors, der Nußbaumeder schon lange ist. Die Pageturner-Qualitäten seines Romans resultieren auch daraus, dass er sein Personal immer wieder in dramatische Ausnahmesituationen und an lebensgeschichtliche Weggabelungen führt, die für andauernde Empathie und Neugier beim Lesepublikum sorgen. Wobei er auch die unerhörtesten Begebenheiten eher zurückhaltend bis spröde erzählt – es gibt keinen rührselig-distanzlosen Ton, wie er Familiensagas oft eigen ist.
 
Vom Fanal der Brandstiftung um 1900 springt die Geschichte direkt ins Jahr 1945. Dank üppiger Versicherungsgelder entstand auf den Überresten der bereits unrentabel gewordenen Glashütte ein Sägewerk, erfolgreich geführt von Josef Hufnagel. Nach dem Sieg der Alliierten über die NS-Diktatur versucht in Deutschland nicht nur er unter den Teppich zu kehren, was auf Nähe zu den ehemaligen Machthabern hinweist. Und es gelingt ihm gut, bei der amerikanischen Besatzungsmacht einen brauchbaren Eindruck zu erwecken. Könnte sich alles prächtig entwickeln, wäre da nicht Erna Schatzschneider, eine der allseits verachteten Flüchtlingsfrauen, Tochter der einst geflohenen Maria, die ihn mit ihrer Schwangerschaft konfrontiert. Zwar ist Josef nicht der Erzeuger, aber Erna lässt ihn das dennoch glauben, denn nur so sieht sie ihr Überleben und das ihres Kindes gesichert. Josef verspricht zu helfen, wenn sie verheimlicht, dass das Kind von ihm sei. Aber weil er sich nur zu gerne als dynastischer Patriarch sieht, gewillt, sein Erbe an die nächste Generation weiterzugeben, und es ihn überdies in die Politik zieht, fördert er Georg, seinen vermeintlichen Sohn, im Übermaß und überträgt ihm bald die Leitung des Sägewerks.
 
Georg entspricht diesen Erfolgs-Erwartungen rundum, auch um das Stigma des hergelaufenen Flüchtlingsjungen abstreifen zu können. In die Quere kommt ihm jedoch seine Liebe zu Gerlinde, der tatsächlichen Tochter Josephs. Denn im Glauben, einen Inzest verhindern zu müssen, stellt dieser sich zwischen das aufkeimende Glück, und von Erna kommt kein Widerspruch. Sie enthüllt die Wahrheit erst viel später, auf dem Totenbett. Von ihrem Vater „eingeweiht“, sagt sich Gerlinde von Georg los – und Nußbaumeder verfolgt nun ihre getrennten Lebenswege. Im Falle von Georg ist das eine rasante ökonomische Erfolgsgeschichte, die ihn über die Stationen Sägewerksbesitzer, Bauunternehmer, Konzernlenker, Immobilienspekulant in die oberste Etage eines Münchner Firmentowers führt.

Privates und Politisches

Anders bei Gerlinde: Stand sie gerade am Beginn eines vielversprechenden Studiums der Veterinärmedizin, bricht sie dies nach der Liebes-Zäsur ab und verdingt sich fortan in allerlei Jobs, die sie auch mal in die Toskana führen, die ihr aber keine Sicherheit einbringen, von Wohlstand ganz zu schweigen. Ihre Wirkung erzielt sie eher im zwischenmenschlichen Bereich, und im Alter engagiert sie sich in einer neuen Partei namens Die Grünen für den Umweltschutz: Lebensmuster, die für Frauen dieser Generation nicht untypisch sind.
 
Es ist ein Kennzeichen des Romans, dass sich die Haupt- und die zahlreichen markanten Nebenfiguren in der Sozial-und Wirtschaftsgeschichte Deutschlands spiegeln und umgekehrt – fast wie in einem Geschichtsbuch, das aber nicht lehrbuchartig-trocken daherkommt. Im Gegenteil: Es gelingt Nußbaumeder überzeugend, diese Verknüpfungen mittels seines Personals, die sowohl Typen wie auch vielschichtige Charaktere sind, und mittels seines allwissenden Erzählers mit Leben zu erfüllen.

Zurück zum Anfang

Der üppige Erzählstrang führt immer wieder zu Georg und Gerlinde. Im Alter erfahren sie noch von der Lüge, die ihr privates Glück zerstört hat – doch ein Versuch, an die Jugendliebe anzuknüpfen, scheitert. Infolge eines Unfalls stirbt Gerlinde verarmt und vereinsamt in einer Sozialwohnung, die ironischerweise zum verzweigten Finanzimperium von Georg gehört. Ende der Geschichte? Nein: Sie klingt mit einer versöhnlich-utopischen Note aus. Denn Großinvestor Georg, erschüttert durch Gerlindes Tod und angefacht von seiner Enkelin Lea, einer Klimaaktivistin, läutert sich. Er wandelt einige seiner Wohnungen in Genossenschaftseigentum und aktiviert die alte Holzwerkstatt in seinem Heimatort. Dieser Kreis schließt sich also, und noch ein weiterer: Im letzten Kapitel wird das Schicksal von Maria, der geflüchteten Dienstmagd, enthüllt – sie überlebt in einem ungewöhnlichen  Bündnis: „Frei nach der Devise, erst wo ein Geheimnis wirkt, beginnt das Leben, verschworen sich der Homosexuelle, die Brandstifterin und der Totschläger zu einer dreifaltigen Einheit. Nur im Zusammenwirken zu dritt schien ihnen eine Rettung möglich.“
 
Die Literaturkritik feiert Die Unverhofften als Glücksfall eines Generationen- und Sozialromans. Und braucht man nicht in diesen von Distanz geprägten Zeiten mehr denn je ein Buch, in dem man versinken kann? Ein Buch, das den langen Lese-Atem mit einer Vielzahl von Anregungen, Reminiszenzen und vor allem bester Unterhaltung belohnt? Der Dank geht an Christoph Nußbaumeder, der genau dieses Buch geschrieben hat.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Christoph Nußbaumeder: Die Unverhofften
Berlin: Suhrkamp, 2020. 671 S.
ISBN: 978-3-518-42962-4
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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