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Markus Ostermair
Kein Dach überm Kopf

Die Stadt München gilt als Heimat der Reichen und der Schickeria. Markus Ostermair hat seinen beeindruckenden Debütroman einem ganz anderen Milieu gewidmet – dem der Obdachlosen.

Von Holger Moos

Ostermair: Der Sandler © Osburg Seinen Zivildienst hat der Schriftsteller, Übersetzer und Sprachlehrer Markus Ostermair 1999 in der Münchner Bahnhofsmission absolviert. Danach arbeitete er ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe. Bereits seit seinem Germanistikstudium spielte er mit dem Gedanken, einen Roman darüber zu schreiben. Nun ist dieser Roman unter dem Titel Der Sandler erschienen.
 
Hauptfigur des Romans ist der ehemalige Mathematiklehrer Karl Maurer. Karl führte ein gefestigtes Leben mit Frau und Kind. Dann warf ihn ein Schicksalsschlag aus der Bahn. Nun ist er eine Art wandelnde Wettervorhersage: Eine wetterfühlige Narbe lässt ihn aufkommende Unwetter spüren. Doch Ostermair erzählt nicht nur Karls Geschichte, sondern liefert ein vielschichtiges Bild dieses sozialen Milieus. Karl pendelt in seinem entwurzelten Alltag zwischen der Münchner Bahnhofsmission, der Obdachlosenhilfe Sankt Bonifaz und vielen weiteren Schauplätzen.

Ein obdachloser Philosoph

Scham, Selbstausgrenzung, Alkoholismus, Gewalt und Erniedrigung – diese Phänomene aus der Welt der Obdachlosen beschreibt Ostermair sehr genau. In sechs Tagen und sechs Nächten nimmt man an Karls äußerem und innerem Leben teil. Er trifft viele Menschen, hat aber nur sehr wenige Freunde. Große Solidarität herrscht nicht, vor manchen Obdachlosen muss Karl sogar auf der Hut sein.
 
Eine wichtige Romanfigur ist Lenz, einer der wenigen Freunde Karls. Er fungiert als kritischer Kommentator der gesellschaftlichen Verhältnisse. Lenz hat eine politisch-philosophische Mission und verfasst einen Zettelwust mit Notizen, in denen er Weltverbesserungsgesetze wie dieses formuliert: „5. Gesetz: Es gibt Geld nicht für die Arbeit, die man erbringt […], sondern für die Kinder, die man hat und versorgt. Der Betrag steigt vom 1. zum 2. Kind an, kommt in gleicher Höhe beim 3. Kind hinzu und wird dann mit jedem weiteren Kind wieder gekürzt. Das gilt weltweit!“

ergreifendes Leseerlebnis

Lenz bringt sich aus Verzweiflung um und vermacht Karl den Schlüssel zu seiner Wohnung. Diese Wohnung wird für Karl zum erhofften Sprungbrett zurück ins bürgerliche Leben. Doch anfangs fällt Karl schon der Zutritt in die Wohnung schwer. Um bei den anderen Hausbewohner*innen kein Misstrauen zu erregen, traut er sich erst nachts, im Schutze der Dunkelheit, in die sicheren vier Wände.
 
Dann taucht die Figur des „Eisenkurt“ auf, ein unberechenbarer Krimineller mit Reibeisenstimme. Er landet selbst auf der Straße und hat es auf Karl abgesehen – man weiß nicht so genau, warum. Es gibt eine gewalttätige Vorgeschichte der beiden, von der die tiefe Narbe in Karls Gesicht stammt, die ihn fürs Leben zeichnet. Karl verkriecht sich mit zwei Plastiktüten voller Essen in Lenz' Wohnung und hofft, dass er den Rückweg ins „normale“ Leben schafft: „Er ist aufgeregt wie ein Kind. […] Es würde nicht nach Pisse stinken, keiner würde ihn beklauen können, keiner einfach zu schreien anfangen mitten in der Nacht. Keine Mehrbettzimmer mehr, nicht mehr Platte machen.“ Doch Kurt verfolgt Karl, findet die Wohnung und belagert sie. Die Wohnung wird für Karl gleichermaßen zur Festung wie zum Gefängnis. „Bleiben oder gehen?“ heißt das letzte Kapitel. Es ist auch die alles entscheidende Frage.
 
Ostermairs Roman ist ein gutes Beispiel für engagierte Literatur – und gleichzeitig mehr als eine gelungene literarische Schilderung der harten Realität. Die verschiedenen Erzählperspektiven, die inneren Monologe und philosophischen Exkurse sowie der Spannungsbogen sind Garanten für ein packendes und ergreifendes Leseerlebnis.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Markus Ostermair: Der Sandler
Hamburg: Osburg, 2020. 371 S.
ISBN: 978-3-95510-229-6
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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