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Martin Suter / Benjamin von Stuckrad-Barre
Alle sind so ernst geworden

Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre schätzen sich und führen bisweilen lustige, interessante und mitreißende Gespräche – diese haben sie nun zu Papier gebracht und veröffentlicht.

Von Swantje Schütz

Suter/von Stuckrad-Barre: Alle sind so ernst geworden © Diogenes Treffen sich zwei Schriftsteller. Sagt der eine: „Du bist von einem Schiff geflogen?“ Sagt der andere: „Ja.“ Was wie ein schlechter Witz klingt, ist Bestandteil eines der amüsantesten Bücher der letzten Monate. Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre diskutieren in Alle sind so ernst geworden über neonfarbene Badehosen, Latex-Kochhandschuhe und Kreuzfahrten, sie erzählen sich Anekdoten über den Einkauf von Glitzer oder LSD, sie stellen steile Thesen zu Liebe und Verliebtsein auf und zerlegen sie im nächsten Atemzug wieder, kurzum: Sie amüsieren sich und dank ihres Buches können wir daran teilhaben.

Benjamin von Stuckrad-Barres Bücher leben immer von seiner Beobachtungsgabe, von seinem Sezieren einzelner Alltagssituationen. So auch in diesem Werk, als er bei Familie Suter zu Gast ist:

„Martin, kommen wir wieder zurück in Deine Küche. Ich kenne sie ehrlich gesagt nur aus so deutschem 20:15-Uhr Schmonzes, diese Art Küchen. Also nicht nur wegen der Waffeneignung des sogenannten Messerblocks. Auch sind sie oft Kulisse für eine Ehe, die bei gleichzeitiger Eiseskälte in totalem Schweigen geführt wird.“

Was für die Ehe der Suters glücklicherweise wohl doch nicht zutrifft. In einem anderen Kapitel stellt Stuckrad-Barre nämlich fest:

„Gestern waren wir Abendessen, mit Deiner Frau, Deiner Tochter und meiner Freundin. Und an der Art wie einerseits meine Freundin und ich fortgegangen sind nach der Verabschiedung und wie, andererseits, Deine Frau, Deine Tochter und du fortgegangen seid, könnte man, glaube ich, sehr gut den Unterschied zwischen Liebe und Verliebtsein illustrieren.“

Was Martin Suter kurz und knapp bestätigt:
„Ja, das kann sein, weil ihr praktisch hüpftet.“
 

Da haben sich zwei gefunden

Der Schweizer Martin Suter hat in seinen Büchern ebenfalls einen scharfen Blick auf die Gegenwart, bei ihm geht es oft um die Züricher Gesellschaft und die Kreise der Wohlhabenden. Dabei hat er sich über die Jahre eine Gelassenheit angeeignet, die schließlich in seiner Allmen-Reihe gipfelt, in der ein verarmter Snob gestohlene Kunstgegenstände wiederbeschafft. Lässig, souverän, nicht aus der Ruhe zu bringen – genauso, wie man sich Johann Friedrich von Allmen vorstellt, ist Martin Suter in Alle sind so ernst geworden.

Für Stuckrad-Barre, Jahrgang 1975, ist es bereits das dritte Mal, dass er sich intensiv mit einem älteren Künstler auseinandersetzt. Nach dem Entertainer Harald Schmidt und dem Rockmusiker Udo Lindenberg ist es nun der Schriftsteller Martin Suter, Jahrgang 1948. Mit Schmidt arbeitete Stuckrad-Barre eng in der Harald-Schmidt-Show zusammen und bei Udo Lindenberg gehörte er irgendwann zum Tour-Tross, zum Zirkus Halligalli.

Schmidt, Lindenberg, Suter – klingt nach einem Stereotyp, ist aber vielleicht doch keines. Denn zumindest in diesem Buch agieren zwei Wortkünstler, zwei Autoren auf Augenhöhe – Stuckrad-Barre ist hier kein Fan und Martin Suter nicht das Idol. Dafür macht es beiden viel zu viel Spaß, sich gegenseitig zu stimulieren und zu übertrumpfen:
 
Stuckrad-Barre: „Bist Du gut in Scrabble?“
Suter: „Ich spiele es nie. Ich mag Spiele nicht.“
Stuckrad-Barre: „Auch das mag ich an dir wahnsinnig gern. Stell dir nur vor, wir säßen hier jetzt im Knast eines sogenannten Spieleabends. Das ist ja wirklich immer das Ende von allem“
Suter: „Bloß keine Spiele, nein.“
Stuckrad-Barre: „Allerdings spielst Du mit Deinen Lesern virtuelles Poesiepingpong.“
Suter: „Ja, das ist wahr. Poesiepingpong. Das ist aber kein Spiel, das ist eigentlich eine Arbeit. Man dichtet.“
Stuckrad-Barre: „Aber das Dichten ist doch, muss doch auch Spiel sein. Sonst ist es ja Kreuzworträtsel.“
Suter: „Aha.“

Gute Resonanz

Der Verlag hat allerlei Stimmen von Kolleg*innen eingeholt, die gerne zu Lobeshymnen auf die beiden Protagonisten bereit waren. Stand-up-Comedian Hazel Brugger etwa fühlt sich sehr gut unterhalten: „Wenn die miteinander reden, kann ich bei jedem Hölzchen kaum erwarten, auf welches Stöckchen sie noch kommen werden. Die beiden können‘s einfach.“

Natürlich gibt es auf 256 Seiten nicht nur Feuerwerk, gerade in den Kapiteln LSD, Liebe oder Geldscheine geht es um eigene Erfahrungen, um den Blick, den man heute auf die damals erlebten Situationen werfen kann. Zum Beispiel, welche Konsequenzen es haben kann, wenn man das Rauchverbot auf einem Kreuzfahrtschiff ignoriert. Denn dann muss man auf die Frage „Du bist von einem Schiff geflogen?“ schlicht mit „Ja“ antworten. Und kann immerhin noch schnell nachschieben, dass dies glücklicherweise in einem Hafen passierte.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Martin Suter / Benjamin von Stuckrad-Barre: Alle sind so ernst geworden
Zürich: Diogenes, 2020. 256 S.
ISBN: 978-3-257-07154-2
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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