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Naika Foroutan und Jana Hensel
Bildet Banden!

Wer Veränderung bewirken will, braucht Verbündete. Jana Hensel und Naika Foroutan rufen Ostdeutsche und Migrant*innen zur Bildung einer Allianz auf. Sie wollen die Interessen gegenüber der nicht-migrantischen westdeutschen Dominanzgesellschaft besser platzieren.

Von Helena Matschiner

Foroutan / Hensel: Gesellschaft der Anderen © Aufbau Die rassistische Morde in Hanau und die Wahl des thüringischen Ministerpräsidenten mit den Stimmen der AfD im Februar 2020 waren für die Sozialwissenschaftlerin und Migrationsexpertin Naika Foroutan und die Journalistin und Ostdeutschlandexpertin Jana Hensel dringender Anlass, sich über Erfahrungen von Ostdeutschen und Migrant*innen in Deutschland auszutauschen. Die Gesellschaft der Anderen ist die Verschriftlichung ihres Gesprächs. Da beide Autorinnen nicht nur als Fachexpertinnen, sondern auch als Betroffene sprechen, umfasst ihr Dialog sowohl analytische Beobachtungen als auch persönliche Erfahrungsberichte.

Erfahrungen der Ablehnung

Der nicht-migrantische westdeutsche Teil der Bevölkerung in Deutschland besetzt auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung die wesentlichen gesellschaftlichen Positionen und bestimmt so den Diskurs und den Maßstab, an dem sich alle anderen zu messen haben. Im Gespräch erkennen die Autorinnen, dass Migrant*innen und Ostdeutsche viele Erfahrungen teilen: das Erlernen neuer Strukturen, die Abstufung im Bildungssystem, die mangelnde Anerkennung von Berufserfahrungen, das Gefühl der Verunsicherung. Angehörige beider Gruppen wissen, was es heißt, bei Vergehen anderer Angehöriger ihrer Gruppe kollektiv schuldig gesprochen und zur Erklärung gedrängt zu werden - eine Erfahrung, die Angehörigen der Dominanzgesellschaft erspart bleibt.

Während die Aneignung westdeutschen Wissens vorausgesetzt wird, dürfen sich Angehörige der Dominanzgesellschaft gegenüber marginalisierten Gruppen ignorant und desinteressiert zeigen, ohne Folgen befürchten zu müssen. Es gibt aber auch unterschiedliches Erleben: So machen Ostdeutsche keine Rassismuserfahrungen und die in Westdeutschland lebende Migrant*innen sind nicht von derselben demografischen Schieflage und regionalen Strukturschwäche betroffen wie Teile der Bevölkerung in Ostdeutschland.

Identitätspolitik als Strategie

Beide Autorinnen sehen sich als Sprecherinnen ihrer Communities, wobei sie den Begriff „community“ als Konstrukt verstehen. Dass Naika Foroutan aber nicht nur eine Migrationsbiografie hat, sondern auch in Westdeutschland aufgewachsen ist, während Jana Hensel zwar ostdeutsch, aber ohne Migrationsbiografie ist, zeigt, wie fluide die Grenzen dieser Konstrukte sind. So wirft Jana Hensel ihrer Gesprächspartnerin mehr als einmal vor, wie eine Vertreterin der Dominanzgesellschaft über Ostdeutsche zu sprechen. Dennoch stimmen beide darin überein, dass aus strategischen Gründen eine Identitätspolitik im Sinne von Gayatri Spivak, einer der Begründerinnen der postkolonialen Theorie, für eine funktionierende Demokratie notwendig ist, um Unterdrückungsmechanismen aufzuzeigen und politisch Einfluss zu nehmen. Gemäß der Theorien des Soziologen Stuart Hall sollen dann in einem zweiten Schritt die Machtverhältnisse korrigiert werden, bevor die Identitäten wieder dekonstruiert werden können.

Allianzen für mehr Teilhabe

Da Dialogversuche mit der Dominanzgesellschaft nie auf Augenhöhe geschehen und sich ihre Repräsentanten meist als „permanente Missversteher“ herausstellen, befürwortet Jana Hensel empowernde Diskurse innerhalb der Communities, um dann Allianzen bilden und nach außen gemeinsame Forderungen formulieren zu können.
Konkret und an die Politik gerichtet plädieren die Autorinnen für Quoten bei der Besetzung von Entscheider*innenpositionen. Sie wünschen sich mehr Diversität innerhalb der Parteien und die Einführung eines Ausländerwahlrechts. Für die kommende Legislaturperiode empfehlen sie die Einrichtung einer Leitbildkommission zur Entwicklung von Teilhabe und Chancengleichheit in der pluralen Demokratie.
Manchen der Gesprächsthemen hätte eine kontroversere und damit tiefgründigere Auseinandersetzung gut getan. Dennoch ist den Autorinnen eine Erzählung der deutschen Pluralität gelungen, mit der sie ihr Plädoyer für Allianzenbildung unterstreichen. Durch die Aufstellung von Maximalforderungen wollen beide den Diskurs verändern und die Dominanzgesellschaft zur Selbstreflexion aufrufen. Dafür leisten sie mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Naika Foroutan und Jana Hensel: Die Gesellschaft der Anderen
Berlin: Aufbau Verlag, 2020. 356 S.
ISBN: 978-3-351-03811-3
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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